Das Geld reicht für alle

November 6, 2009

Burkhard Müller bricht eine Lanze für das Grundeinkommen:

Ein voraussetzungslos gewährtes Bürgergeld würde den Krampf lösen und den Zwang, dass sich alles menschliche Leben durch sein Verhältnis zur Arbeit zu rechtfertigen hat, beenden. Wer faul sein will, sei faul. Wer arbeiten will, tue das und kassiere eben entsprechend mehr dafür - und zwar richtig mehr, nicht bloß die kümmerliche Differenz zur Stütze: Das wird ein Stimulus von hinlänglicher Kraft sein. Außerdem bricht die Arbeit von unten nach oben weg, die Jobs verschwinden in der Reihenfolge ihrer Unattraktivität, gerade jene zuerst, die am meisten zur Drückebergerei verführen. Die stumpfsinnigeren Dienstleistungen werden aussterben, ja, alle warenproduzierenden Jobs im engeren Sinn, indem die Produktion insgesamt sich langsam jenen Vorgängen annähert, kraft derer in der Natur die Dinge von selber wachsen.

Eines Tages wird die Herstellung eines hölzernen Stuhls nicht mehr einen Holzfäller, einen Schreiner und andere knochenbrechende Gewerke erfordern, sondern die Stühle werden auf dem Feld von allein der Ernte entgegenreifen, weil die Materie dem schöpferischen Menschen jenes Geheimnis verraten hat, nach dem sie sich gewaltlos von innen heraus baut. Dann wäre es gut, wenn die Gesellschaft sich nicht länger über die Arbeit definiert: Es wird nämlich keine mehr da sein. Mit dem Abtrainieren sollten wir heute schon anfangen.

Alles lesen in der SZ

Kalle, gib mal Zeitung

October 5, 2009


Die Ausstrahlung dieses zweiteiligen Werbespots der taz konnte die “BILD”-Zeitung seit 2005 mit juristischen Tricks unterbinden. In letzter Instanz hat die taz nun vorm BGH Recht bekommen.

Horrorshow Schwarz-Gelb

September 28, 2009

Der Schädel des Apachen

September 24, 2009

Claus Biegert schreibt immer noch über Indianer.

Geronimo ist immer noch tot.

Früher schrieb Claus Biegert im Blatt, jetzt schreibt er in der SZ.
Online gibts das Ganze bei jetzt.de zu lesen:

Jetzt lebt der Widerstand wieder auf. Geronimos Erben, die von Ramsey Clark vertreten werden, wollen die Gebeine ihres Helden im Quellgebiet des Gila River begraben. Ein US-Gesetz hilft ihnen dabei: Der Native American Graves Protection and Repatriation Act (NAGPRA) von 1990 soll die sterblichen Relikte von Ureinwohnern, wie sie bis heute vor allem in den Sammlungen von völkerkundlichen Museen lagern, wieder in den Schoss ihrer Stämme zurück bringen. Im Fall des Apachenkriegers aber gibt es ein Problem: Geronimos Schädel ist weder in einem Grab, noch in einem Museum. Wie aus der Anklageschrift 1:09-cv-00303 hervorgeht, liegt der Totenkopf auf dem Altar der Geheimgesellschaft “Skulls and Bones”(Schädel und Knochen) in einem fensterlosen, von Gerüchten umrankten Bau, genannt “The Tomb”(Die Grabkammer) auf dem Campus der Yale University in New Haven im Bundesstaat Connecticut.

Wie kommt der Schädel des Apachen dorthin? Wenn man den Zeugnissen von “Skulls and Bones” glauben darf, dann weilten 1918 vier Studenten der Elite-Universität Yale zu einem Artillerie-Training in Fort Sill in Oklahoma. Vor ihrer Rückkehr an die Ostküste plünderten die vier ein Grab, zu dem sie eine Eisentür aufbrechen mussten. Daraus brachten sie einen Schädel, zwei Oberschenkelknochen und ein Sattelhorn mit. Eine Festschrift von 1933, zum 100. Geburtstag der Geheimverbindung, brüstet sich mit der Tat und ordnet Knochen und Grabbeigaben Geronimo zu.

Was heute Abscheu erregen würde, war damals ein Kavaliersdelikt, unter Archäologen und Anthropologen sogar üblich. Als Mangas Coloradas, der Häuptling der Bedonkohe, 1863 in Gefangenschaft gefoltert und anschließend von Soldaten erschossen wurde, trennte man noch am gleichen Tag den Kopf vom Rumpf und kochte ihn. Den gesäuberten Schädel ließ der befehlshabende Offizier umgehend zu einem Anthropologen nach Boston schicken, der nach dem Vermessen erstaunt feststellte, dass das Hirnvolumen des Indianers das des Lexikonautors Daniel Webster überragte. Der große Schädel des Mangas Coloradas gilt heute als verschollen. Das letzte Mal wurde er im Umfeld des staatlichen Museums Smithonian Institution gesehen. Dort wird der Besitz abgestritten.

… und Claus Biegert gibts nochmal rechts auf der BlattBlog Linklatte mit seinem Nuclear-Free-Future Award

Unerhört

September 8, 2009


BlattBlog empfiehlt Unerhört - die neue Serie von etwas anderen Wahlspots bei der taz.

Auf gehts!

September 1, 2009

Jetzt geht der Wahlkampf erst richtig los:

Ohne Worte. Via Spreeblick.

Crisis? What Crisis?

August 27, 2009

Zweggs Animation bitte aufs Bild klikken. Mehr Info zu allen Künstlern hier.

Woodstock

August 14, 2009

Mitte August vor genau 40 Jahren:


“Woodstock war nichts”, sagte Dylan später, “nichts weiter als ein neuer Markt für gebatikte T-Shirts. In Woodstock ging es um Anziehsachen. Heute beschäftigen sich die gleichen Leute mit Computern.”

Pop

August 3, 2009

Das, was wir heute Popmusik nennen, ist nicht von einem Tag auf den anderen entstanden. Dennoch kann man sagen, dass es seit 50 Jahren (plus minus 5) ein kulturelles Format gibt, das davon lebt, dass seine Rezipienten es in ihrer Lebenswelt selbst zusammensetzen. Es besteht aus Tonaufnahmen (der Bezugspunkt ist immer die Aufnahme, nicht der Song) von singulären, abweichenden, nicht schönen oder kunstfertigen Stimmen und Klangeffekten, die von eher konventionell gebauter Musik umgeben sind. Diese Aufnahmen werden einerseits durch Zeitschriftenbilder, häufige Fernsehpräsenz und mit Porträts und graphisch designerischen Stilen operierenden Plattenhüllen in Bedeutungskomplexe eingebaut, andererseits durch eine physisch auftretende und viszeral rezipierte Musik in der Körperlichkeit der Rezipienten verankert. Ein reales Geräusch der Welt, phonographisch aufgezeichnet, die indexikalen Spuren des Sängers, auch Effekte von neuen Maschinen, werden zunächst zu Hause, oft allein in intimen Situationen gehört und mit einer imaginären Welt verbunden; um dann aber draußen, in einer Öffentlichkeit, bei Live- und Club-Erlebnissen bei hoher Lautstärke und gesteigerter körperlicher Präsenz wiedererkannt zu werden. Das macht immer wieder so euphorisch, als hätte man sich zum ersten Mal im Spiegel erkannt. Der symbolisch-sprachliche Gehalt, der bei dieser Zusammenführung von intimem Imaginarium und öffentlicher körperlicher Partizipation ermittelt wird, ihr Inhalt, ist immer eine Attitüde, eine als Pose aufgeführte Haltung zur Welt, die so noch nicht formuliert worden war.

Letzteres muss nicht objektiv wahr sein, es muss einem aber so vorkommen. Jugend begünstigt dieses Empfinden, Alter verstärkt die Vorstellung, alles sei schon einmal da gewesen, weil die Bereitschaft, auf das Neue zu wetten, sinkt: Der alte Mensch hat nichts davon, dass nach ihm eine Zukunft kommt. Wenn man aber jung ist und von der Wette auf das Neue profitiert, prägt dies auch die besondere Rolle der Rezeption in der Popmusik: Diese beginnt ja bei einem Gefühl von Individualität und Alleinsein, verläuft über Momente vager sozialer Identifikation mit den Sounds und Bildern dieser von Popmusik vermittelten Posen und landet bei einem gesellschaftlich tragfähigen Selbstbild in einer popkulturellen Identität.

Dieser Weg erscheint denen, die ihn gehen, aber als historisch, weil er sich im Regelfall als neu geriert. Wenn meine individuelle Neuheit - also Jugend - sich als historisch neu empfinden darf, erfährt sie eine enorme Ermächtigung. Diese historische Ermächtigung gewinnt an Kraft durch die Verbindung einer Entwicklung (mehrere Stadien, Unsicherheit, soziales Aushandeln) und der in den letzten fünf Jahrzehnten Popmusik gestiegenen und professionalisierten bis industrialisierten rituellen Möglichkeiten der Bestätigung dieser Entwicklung als historisch (Aktualitätssemantik, epochenbezogenes Clubbing, Dekaden-Shows). Diese Initiation mit ihrer öffentlichen Verschränkung der Subjektivität des Aufwachsens mit der Objektivität von Geschichte erzeugt oder verstärkt das Gefühl, in eine bestimmte Zeit zu gehören und eine Gegenwart zu erleben, die zugleich in Zukunft geschichtlich sein wird. Der Entwurf der Subjektivität bezieht sich immer auf ein Futur II, so werde ich gewesen sein: In “In My Life” entwirft der 24-jährige John Lennon einen Lebensrückblick, den später der steinalte Johnny Cash ohne Rollenkonflikte covern können wird. Das sich entwerfende Subjekt der Popmusik-Rezipienten - ähnlich übrigens wie Fashion-Fans - entwirft sich von einer Euphorie aus, die jetzt hier einen intensiven Moment erlebt und ihn zugleich schon im Fotoalbum der Geschichte sieht.

Bei vielen Nutzern kann man eine Regression ins Musikalische feststellen, ins reine Hören einzelner Files und Songs, das sich um den Zusammenhang so wenig kümmert wie die unengagierte Rezeption von arbeitenden Radiohörern. Diese populäre Musik, die man nebenbei hört und von der man sich den Alltag ölen lässt, hatte nichts mit der emphatisch rezipierten Popmusik zu tun, von der hier die Rede ist. Aber auch in den Spielformen der Rockmusik und ihrer Nachbargebiete herrscht Musik als Musik. Weil die Intensität der Verbindung zwischen der öffentlichen und der privaten Seite der Popmusik-Rezeption nachlässt, konzentrieren sich die Indie-Rock-Szene und insgesamt das in der Mittelschicht sozialisierte Pop-Publikum auf Verfeinerung und fetischistische Pflege des Erreichten. Dominant sind zwischen Folk und Punk, phantasievollen Progressismen und sagenhaft angewachsenem technischen Können die klassische Formen, die aber nicht als Revival neu aufgeführt und umgewertet werden, sondern unabhängig von historischen Markierungen verfeinert und ausgebaut werden. Ihr Bezugspunkt ist ein Wohlklang in einem etwas anders sozialisierten Ohr, nicht eine Attitüde und nicht die Gegenwart.

Alles lesen bei Diedrich Diederichsen in der SZ.

Berliner Innensenatorium

July 24, 2009

Unser Mann in Berlin hat wieder zugeschlagen:

Die Berliner Polizei hat, wie heute gemeldet, Wachskerzen bei Lichterketten und Demonstrationen verboten, da Wachsreste die öffentliche Sicherheit gefährden könnten. Stattdessen solle man Feuerzeuge verwenden. Ist das nicht noch viel gefährlicher für die öffentliche Sicherheit? Mit diesen Teufelsapparaten lassen sich nämlich nicht nur Zigaretten in Gaststätten anzünden, sondern auch Autos und, schlimmer noch, Wachskerzen! Auch eignen sie sich zur Entfachung von Zimmerbränden, Waldbränden, Großbränden, Flächenbränden und überhaupt Schadensfeuern aller Art.

Demonstranten führen jedoch noch viel mehr gefährliche Gegenstände mit sich, die der Aufmerksamkeit unserer Öffentlichen-Sicherheits-Hüter entgangen sind, etwa Schlüssel (Schlüsselfiguren!), Fahrräder (Rädelsführer!), Kleidung (Vermummung!), Regenschirme (Abschirmung!), Ausweise (Ausweisungskandidaten), keine Taschenlampen (Verdunkelungsgefahr!).
Ich finde, ein Innensenatorium, das sich wirklich um die öffentliche Sicherheit sorgt, sollte konsequenter vorgehen (Klotzen, nicht kleckern!).

Vorschlag:
1. Demonstrationsteilnehmer dürfen nur noch nackt auftreten.
2. Demonstrationen sind nur noch von Mitte Dezember bis Mitte Februar erlaubt.
3. Weihnachten wird verboten (Wachskerzen!!!)

Für diese Vorschläge habe ich Geschmacksmusterschutz beantragt: Alle Rechte vorbehalten.

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