Der Bluff der Internetversteher
May 11, 2012Das Internet ist der letzte Schrei. Steht der Hereinbruch einer „neuen Gesellschaft“ unmittelbar bevor? Was aber, wenn wir uns nicht „vernetzen“ wollen?
Die kalifornische Ideologie entstand während der sechziger Jahre im Dunstkreis von Hippies und Kybernetikern. Sie ging davon aus, dass die durch umfassende Vernetzung erzeugten Feedbackschleifen die ganze Gesellschaft zum Besseren transformierten. Permanente Rückmeldung würde den Menschen bewusster und damit auch sozialer und demokratischer machen.
In dem stilbildenden Gedicht „All Watched over by machines of loving grace“ des Jahres 1968, eine der frühesten Quellen jenes kalifornischen Denkens, träumte so etwa Richard Brautigan von einem kybernetischen Arkadien, das von grenzenloser Partizipation und Transparenz geprägt sein würde: „A cybernetic meadow / where mammals and computers / live together in mutually / programming harmony.“
Mit dem World Wide Web – besonders durch Social Media – ist der Traum der allumfassenden Feedbackschleife wahr geworden, durch die sich Säugetiere, sprich: Menschen, und Computer gegenseitig programmieren. Aber die Idee der Weltverbesserung durch Vernetzung erscheint heute bestenfalls naiv.
Nicht nur fußt die digitale Welt auf der Ausbeutung von Arbeitskräften in Schwellenländern, sie koexistiert auch schon seit Jahrzehnten mit Fundamentalisten und totalitären Regimes, gleich welcher Prägung, und wird von diesen genutzt, wie das Beispiel radikaler Islamisten, aber auch dasjenige Chinas und Russlands zeigt.
Zunehmend wird auch die Zerstörung der Umwelt durch das Internet zum Thema. Bildeten die Rechenzentren für Cloud Computing ein Land, hätte dieses den fünfthöchsten Stromverbrauch der Welt, gleich nach den USA, China, Russland und Japan, Tendenz rapide steigend.
Kalifornische Ideologie als genialer Publicity Stunt
Natürlich dient auch die so frenetisch bejubelte freie Meinungsäußerung auf Twitter, Facebook und Google + zuallererst dazu, den Marktwert dieser Unternehmen anschwellen zu lassen, die zudem selbst in Westeuropa eine Zensur eingeführt haben, wie man sie für überwunden hielt. Zudem verdienen viele der Apologeten digitaler Weltverbesserung über Beraterverträge an Internetfirmen mit. Die kalifornische Ideologie erscheint heute bestenfalls als ein genialer Publicity Stunt.
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