Die Seyfried-Wanne
February 17, 2006Berlin – Die 150 Stühle im Saal reichen längst nicht. Vielleicht 300 Menschen sind an diesem Donnerstagmorgen ins Auktionshaus Karner gekommen, das sich zwischen Schrotthändlern und Schraubern in einer Schöneberger Sackgasse versteckt. Vor allem Autos werden versteigert: ausgemusterte VW-Busse der Wasserbetriebe, kleinere Lastwagen und – drei „Wannen“ der Polizei, legendär wie der Kreuzberger 1. Mai. Einer, ein Bus für mindestens 20 Mann, Modell 608 D, sieht noch ganz passabel aus. Den anderen beiden, die auf dem Hof parken, sind die Spuren vergangener Kämpfe anzusehen: notdürftig überlackierte Beulen von Pflasterstein-Einschlägen. Alle haben noch die Haken von den Schutzgittern vor den Scheiben und Stümpfe von den abmontierten Blaulichtern auf dem Dach. Einer hat einen Motorschaden, beim anderen ist die Batterie leer. Schlachtrösser mit Herzstillstand. „Besondere Belastung: Einsatztraining“, steht auf einem Zettel in der Scheibe.

Hoenig ist Anwalt; im Winter parkt er die Wanne als Werbung für seine Kreuzberger Kanzlei in der Gegend um den Kotti. „Im Sommer ist es einfach ein Gag, mit offenen Schiebetüren durch Kreuzberg zu fahren“, sagt er. Über seine wilden Jugendjahre erzählt der 50-jährige Wahl- Kreuzberger wenig. Nur so viel: Er habe mit seiner Freundin in den 80ern „viel Gerhard Seyfried gelesen und gelacht“. Selbst bei der Polizei reden sie von „Seyfried-Wannen“. Der Kreuzberger Comiczeichner hat die „Gruppenkraftwagen“, kurz GruKW, in vielen Büchern verewigt. Mercedes baut das Modell nicht mehr. „Das ist unser Problem“, sagt ein Beamter wehmütig. Vor allem die Hecktür war ein Riesenvorteil, „weil man den Wagen als Schutz hatte“. Außerdem war man blitzschnell raus, denn man saß längs auf Bänken wie in der U-Bahn. Dass bei einer Bremsung alle dem Ersten auf den Schoß fielen, ist eine andere Geschichte. Jetzt wird im Renault oder Fiat zur Schlacht gereist und schön der Reihe nach seitlich ausgestiegen.
Alles lesen in Die Wanne läuft voll gut im tagesspiegel. Foto dankend ausgeliehen von Sascha Lobo aus der Riesenmaschine.




