Servus Norbert
February 22, 2006Ein Blick auf alle uns, die wir hier in der Kirche von Marienberg aufeinandertreffen, um Norbert ein letztes Mal zu grüßen, zeigt den Bogen, den er geschafft hat, in seinem Leben zu schlagen. Scheinbar hatte seine Münchner Zeit nichts mit der Folgezeit in Holzhausen und anschließend hier in Marienberg gemein. In der Umkehrung mag das ebenso erscheinen, und dennoch ist dem nicht so.
Norbert wurde, wie so viele unter uns, in einer Zeit groß, als in den bundesdeutschen Großstädten die einhellige Meinung herrschte, zuguterletzt würde das Konzept Vietkong auch in Plattling triumphieren. Sein Weg von der Schreinerlehre zum Soziologiestudium, seine zahlreichen Reisen, unter denen der Trip nach Indien keinesfalls fehlen durfte, sein rasantes Leben zwischen Wohngemeinschaft und den Niederungen der Münchner Alternativszene, die in den siebziger Jahren in Form von Zeitungsprojekten, Handwerkskollektiven und sonstigen selbst verwalteten Projekten fröhliche Urstände feierte, war der Weg von vielen.
Ich erinnere mich gut an die Produktionsnacht im Blatt, der damaligen Stadtzeitung für München, als es darum ging, eine ansonsten unbeschriebene, weiße Zeitung mit einem Leitartikel zum Wies’n-Attentat 1980 zu versehen. Das Ringen um Worte, die einerseits nicht die Rhetorik des Augenblicks bedienten, andererseits nicht zur kaltblütigen Analyse über mögliche und unmögliche Hintergründe gerieten, zog sich bis um 7 Uhr morgens zwischen Bier und Zigarettenqualm hin. Es wäre ein Leichtes gewesen, eine Seite landläufiger Meinungen zu Hergang, Reaktionen und Kontext niederzuschreiben und kurz nach Mitternacht nach Hause zu gehen. Aber wie in so zahlreichen anderen Situationen hatte das Blatt-Kollektiv die Rechnung ohne den Wirt gemacht, der in diesem Fall in Gestalt von Norbert als Redakteur am Schreibtisch saß und keine Ruhe gab, bis nicht das letzte Komma des Artikels noch einmal hinterfragt war, bis er nicht sagen konnte: „So passt’s!“ und „Jetzt geh’ i hoam.“
Norberts scheinbarer Abschied aus der Münchner Alternativszene wurde von vielen mit Kopfschütteln bedacht. Sicher, er kehrte Anfang der achtziger Jahre dem High Life der zunehmend inhaltsleer gewordenen Großstadt den Rücken, aber keineswegs um sein Heil in der gesunden Luft auf dem Land und zusammen mit Bärbel und Valentin im Schoß der Familie zu suchen. Vielmehr ging es ihm darum, die Sehnsucht nach der Alternative in Arbeit und Leben vom Kopf auf die Füße zu stellen. Der Schritt aufs Land war auch die Suche nach einem Bayern jenseits von Klischees und Folklore. In Niedergottsau, im so genannten Saurüssel am Zusammenfluss von Salzach und Inn, fand Norbert schnell seinen Platz im dortigen Wirtshaus, war sich im Klaren darüber dass er „da ganz da andere“, aber auch respektiert war, nicht mehr als Redakteur einer Stadtzeitung, sondern als Schreiner, der sich mit seiner Arbeit nicht nur sein Geld verdiente, sondern auch Akzente setzte. Ich will hier nicht von der Wahl der Materialien oder Oberflächenbehandlung sprechen - es genügt, Norberts damalige fulminante Klobrillen- und Klodeckelproduktion zu zitieren.
Das Spannungsverhältnis zwischen der Rückbesinnung auf Tradition und der Suche nach richtungsweisender Innovation kam nicht nur in Norberts Schreinertätigkeit zum Ausdruck, sondern auch in seiner Auseinandersetzung mit den Grünen, die Mitte der achtziger Jahre gerade am Anfang ihrer parlamentarischen Hoffähigkeit standen. Auch hier erwies sich Norbert keineswegs als linientreu, sondern pflegte den bairischen Querschädel mit denkwürdigen Beiträgen für die Ökolibertären. Dann ging alles sehr schnell. Im Wesentlichen auf Bärbels Betreiben eröffnete 1986 der Ökomarkt für natürliche und umweltkompatible Baustoffe. 1987, zeitgleich mit Valentins Einschulung, drückte auch Norbert wieder die Schulbank, um endlich als amtlich beglaubigter Meister tätig sein zu können, wo er längst schon Meister seines Fachs war. 1989 kam Lena zur Welt, und bis 1995 verzeichnete Norberts Schreinerarbeit einen derartigen Erfolg, dass eine Betriebserweiterung unerlässlich wurde. Den ersten Teil seiner ganz persönlichen Wette hatte Norbert gewonnen, der zweite Teil bestand in der großen Herausforderung des Hauskaufs in Marienberg und dem damit verbundenen Aufbau der neuen Schreinerei. Keine Frage, wie in allen anderen Belangen seines Lebens, schenkte sich Norbert auch weiterhin nichts und erhöhte die Ansprüche an sich selbst, gerade so wie beim Schafkopfen, wenn er das Schicksal mit den Worten herausforderte: „Do kriagst a saubere Spritz’n!“
Grenzen überschreiten und dennoch genau hinschauen und achten, wo Grenzen nie überschritten wurden – selten hat jemand diese Gratwanderung so vollendet vollführt wie Norbert. Hätte ihm 1974 jemand gesagt, dass er im Herbst 2004 heiraten würde, wäre er wahrscheinlich auf sämtliche damals zur Verfügung stehenden Barrikaden gegangen. 30 Jahre später war seine Hochzeit mit Bärbel plötzlich ein ganz natürlicher Schritt, um das Leben einmal mehr vom Kopf auf die Füße zu stellen.
Norbert hat sich selbst alles abverlangt. Die Freuden der Spaßgesellschaft erschienen ihm in höchstem Maß dubios, Bequemlichkeit und Larmoyanz waren ihm fremd, und wenn er sich einmal zu ein paar Tagen Urlaub in den Bergen oder auf dem Fahrrad hinreißen ließ, musste er buchstäblich am Strick aus der Werkstatt gezogen werden. Selten hat das Bild von der harten Schale, hinter der sich ein weicher Kern verbirgt, so gestimmt wie bei Norbert. Unnachgiebig begegnete er auch der Krankheit, deren Bedeutung er im Wesentlichen mit sich alleine ausmachte. Als ich ihn im Spätsommer 2004 im Neuöttinger Krankenhaus besuchte und wir einen mühsamen Spaziergang durch den Park machten, vertraute er mir schlicht an: „Woasst, i bin hoid no z’jung zum Schderm!“ Ansonsten kein Wort mehr darüber - er hatte damit ja auch schon alles gesagt, was es für ihn zu sagen gab. Und selbst als er vor zweieinhalb Wochen im Mühldorfer Krankenhaus das Angebot erhielt, in die Hospiz-Abteilung überzuwechseln, entgegnete er nur: „Na, i gib an Leffe no ned ob! I geh’ etz hoam!“
Norbert ist zu Hause gestorben, war bestens versorgt und hat bis zuletzt alles um sich herum wahrgenommen. Der Augenblick des Todes, in dem wir angeblich alle auf mysteriöse Weise um 21 Gramm leichter werden, kam zuguterletzt ganz sanft und ruhig. Das war Norbert, genau so werde ich ihn immer als wertvollen Freund in Erinnerung behalten, und ich glaube, nicht nur ich.
Werner Eckl



