Das Phantom
January 25, 2007Uwe Nettelbeck, das Jahr 1968 und die großen Projekte
Manch einer verschwindet, geht verloren, wandert an den Rand und ist dann eines Tages fort. Uwe Nettelbeck gehörte zu diesen Abhandengekommenen. In den späten sechziger und in den siebziger Jahren in der gebildeten Öffentlichkeit fast allgegenwärtig, als Kritiker, Publizist, Herausgeber, Kulturunternehmer, Impresario und in einem Dutzend anderer Funktionen, zog er sich in den achtziger Jahren nach Maransin zurück, in ein Dorf von knapp tausend Einwohnern vierzig Kilometer nordöstlich von Bordeaux. Von dort kam gelegentlich eine neue Ausgabe seiner Zeitschrift Die Republik, zuletzt eine im September 2006, dem philologischen Kommentar gewidmet. Ansonsten herrschte Stille. Jetzt ist er, siebenundsechzig Jahre alt, gestorben. Die Nachrufe fallen klein aus und erscheinen an abgelegener Stelle. Das ist ungewöhnlich für einen Menschen, dessen Ruhm in der Revolte entstand.
Der Achtundsechziger ist ein Phantom, eine Erfindung von Leuten, die ihn verfehlten. Verpasst wurde er von den Zeitgenossen gleichen Alters. Sie saßen in Münster, im Seminar von Joachim Ritter, oder in Rheda, bei Helmut Schelsky, schrieben Dissertationen über die entzauberte Welt oder die Effektivität des Rechts, während sich ein paar hundert ihrer Berliner Kommilitonen vor dem Amerikahaus prügelten. Sie hörten “Jacques Loussier plays Bach”, während die Anhänger der “Rolling Stones” die Waldbühne zerschlugen. So legten sie die Fundamente für Lebensläufe in der Normalität. Mindestens ebenso sehr verpasst wurde der Achtundsechziger von den Nachgeborenen, die von der Revolte nur noch das Echo wahrnahmen und sie verklärten, ohne zu bemerken, dass sie selbst das Echo waren. Die Nachgeborenen existieren in zwei Varianten: als nostalgische Angeber, denen das “Wir” stets ein paar Nummern zu groß gerät, und als rührselig gestimmte Betrogene, die auf Genugtuung sinnen, weil die Älteren, als sie in Windeseile alle freiwerdenden Stellen der reformierten Universitäten besetzten oder wodurch auch immer, ihnen ein paar Karrierechancen raubten.
Widerstand als Gründerzeit
Stünden alle echten Achtundsechziger nebeneinander, käme keine Generation zusammen. Die Menge würde allenfalls die Stehplätze im Stadion von Wacker Burghausen füllen (more…)





