G. Dicht
March 19, 2007LEKTORAT
Ein Autor schiebt mit frohem Sinn
Dem Lektor sein Geschreibsel hin.
Es geht darin um die Moral
In einem Alpenseitental.Zwei Bürgermeister-Kandidaten
Sind dort in einen Streit geraten.
Der eine arm, der andre reich,
Ansonsten sind sie eher gleich.Der eine ist der Schuldirektor,
Ein guter Mann in seinem Sektor.
Gemüsehändler ist der zweite,
Zwar brav, jedoch so gut wie pleite.Kein schlechter Plot, freut sich der Lektor,
Erinnert mich an Zeus und Hektor!
Nur fehlt der Held in der Geschichte,
Und eine hübsche junge Nichte.In dem Kapitel mit den Gurken
Vermisse ich den bösen Schurken,
Der des Gemüsehändlers Weib
Verführt, und seis zum Zeitvertreib!Ich glaube, wirft der Autor ein,
Dergleichen wird nicht nötig sein.
Ein Lustmolch oder Bösewicht
Paßt zu des Händlers Gattin nicht.Tja, sagt der Lektor, das ist schade,
Denn so bleibt die Geschichte fade.
Doch halt - er runzelt seine Stirne:
Wie wärs mit einer feilen Dirne?Könnte nicht ein solches Luder
Des Schuldirektors armen Bruder
In unsagbares Elend stürzen
Und solcherart die Story würzen?Nein, ruft der Autor, denn der hat ja
Schon seine heißgeliebte Nadja!
Niemals würd er sie verraten
Für einen solchen Satansbraten!Na gut, seufzt resigniert der Lektor,
Dann bleibt als Schurke nur der Rektor:
Der Mann erliegt mit allen Sinnen
Den Reizen seiner Schülerinnen!Nein, nein, der Autor widerspricht:
Das Pädophile liegt mir nicht.
Der Rektor ist ein braver Mann
Der Schlechtes nicht mal denken kann!Ach ja? Und was ist mit der Tochter?
Sie schreiben hier, die unterjocht er!
Dem Autor wird die Stimme schrill:
Doch nur, weil er ihr Bestes will!Jetzt kriegt der Lektor Oberwasser:
Der Rektor ist ein Weiberhasser!
Sein Weib ist zänkisch und gemein,
Und Zwietracht herrscht im trauten Heim!Mag sein, es ist bei Ihnen so,
Entgegnet der Autorio,
Ich bin kein Groschenromancier,
Mir liegt das saubere Metier.Des Lektors Stirne färbt sich bläulich:
Ein Moralist! Gott, wie abscheulich!
Ihr Text ist graue Langeweile
Und ihre Welt zum Kotzen heile!Und Sie? Ein Lektor wolln Sie sein,
Fängt der Autor an zu schrein,
Ich sage Ihnen, was Sie sind:
Ein blödes Lektoraten-Rind!Er geht dem Lektor an den Kragen
Der tritt ihn dafür in den Magen,
Und schon sind beide, eins, zwei, drei
In der schönsten Keilerei.Sie prügeln sich, der Tisch, der kippt.
Der Wind entdeckt das Manuskript,
Und bläst es mit Besessenheit
Hinweg in die Vergessenheit.
Für dieses richtig lange G. Dicht erhielt Gerhard Seyfried (der mittlerweile offenbar gegen Lektoren kämpft) letzte Woche den Wilhelm-Busch-Preis. BlattBlog gratuliert !



cuore di marmo findet, das gedicht ist ein gedicht !
Comment by Administrator — April 22, 2007 @ 8:56 am