Des alten Knaben Wunderhorn

October 7, 2007

»Radio is the shortened name for radiotelegraphy«, erläutert der Sprecher, denn das Medium scheint noch nicht allgemein bekannt. »We’re speaking through an all-metal-type tube, a highly efficient resonating device.« Ort des Geschehens ist ein kleines Studio in einem Haus namens The Abernathy Building im Zentrum von Washington, D.C.; und eingeführt worden ist der Sprecher, wie in jeder Woche, durch die Beschwörung einer nächtlichen Großstadtszenerie. »It’s nighttime in the big city«, raunt eine rauchige Frauenstimme, wenn die Sendung beginnt (es ist, wie erst nach Monaten enthüllt wird, die Stimme der Schauspielerin Ellen Barkin). Dann folgen, während aus dem Hintergrund das Rauschen und Lärmen des Verkehrs heranbrandet, zwei Sätze, die wie eine Szenenbeschreibung zu einem Film noir klingen oder zu einem Gemälde von Edward Hopper. »Fog rolls in from the waterfront. A nightshift nurse smokes the last cigarette in the pack. It’s Theme Time Radio Hour with your host Bob Dylan.« Diese Zweizeiler ändern sich in jeder Woche (auch wenn sich einzelne im Laufe der Zeit wiederholen): »Newly weds make love on a roof. A ringing phone goes unanswered.« Oder: »A writer stares at an empty sheet of paper. A writer stares at an empty sheet of paper.« Und so fort. Nur der Rahmen bleibt immer gleich, ein verheißungsvoll-dunkler Refrain. Immer ist es Nacht in der großen Stadt, und immer begrüßt uns in ihr ein Moderator namens Bob Dylan zur Stunde des Radios.

Eine kalkulierte Provokation war schon die erste Folge, im Mai 2006. Ganz Amerika redete von Bush. Nur Bob Dylan, ausgerechnet, redete vom Wetter. »Weather« lautete sein Thema, und es war vom ersten Satz an klar, daß er das vollkommen ernst meinte – allerdings auf eine unerwartete Weise. »Curious about the weather?« fragt er gutgelaunt und empfiehlt: »Just go over to your window or take a walk outside!« Und während er unterschiedlichste Songs der vierziger, fünfziger und sechziger Jahre aus seiner Plattensammlung hervorzieht, erzählt er von einer korrupten Justiz und von der Art, in der diese Songs darauf geantwortet haben: Indem sie vom Wetter sprachen, zum Beispiel.

Ganz nah am Mikrophon ist Dylans Stimme dabei (wie jedesmal), so daß ihre Nähe physisch zu spüren ist, und doch weit entfernt in einer Welt, die außerhalb unserer Gegenwart liegen muß. Es ist die rauhe und heisere Stimme eines in Würde gealterten Bluesmannes, dabei im Laufe der Wochen erstaunlichen Schwankungen unterworfen, manchmal garstig fauchend, manchmal einschmeichelnd sanft. Stets bis an den Rand der Manier überartikuliert, kostet er jedes Wort aus. »The Santa Ana winds«, flüstert er, »are like the winds of the Apocalypse«. Man muß hören, wie er das letzte Wort zischen läßt, um die Verwandtschaft zu ahnen zwischen Dylans »Weather«-Sendung und dem Vers des Rockpoeten von 1965: »You don’t need a weatherman to know which way the wind blows.«

Wie man bemerkt, verfolgt die unterhaltsame Sendung ein entschieden erzieherisches Ziel; halb spaßhaft benennt Dylan es mit einem Zitat als Versuch, »to expand the musical tastes of the listeners«. Das schließt auch das Bemühen ein, die bekannten Namen zurückzustellen gegenüber den vergessenen. Weil alle Welt Time Is On My Side mit den Stones verbindet, spielt Dylan die originale Version von Irma Thomas; weil alle Welt Aretha Franklin liebt, erinnert er an ihre singende Schwester. Jeder kennt Hound Dog von Elvis, sagt er in der »Dogs«-Sendung; viele kennen auch das Original von Big Mama Thornton. Aber wer weiß noch, daß es eine andere Version von Mamas Song gab, die Elvis überhaupt erst auf die Idee brachte? Die Band, die sie aufgenommen hat, hieß Freddie Bell and the Bellboys, und kein Mensch erinnert sich an sie. Nun bekommen wir lebendig zu hören, was seit fünfzig Jahren gestorben war: das Missing Link zwischen Blues und Rock ’n’ Roll, vital intoniert von den dankbaren Toten. Denn wirklich, Freddie Bell läßt die Glocken läuten. Der Satz »You don’t hear records like that anymore« ist Dylans Ceterum censeo.

Und natürlich fehlt auch die Reklame der alten Tage nicht, die freilich ökonomisch längst zwecklos, gerade so aber dem ästhetischen Genuß verfügbar geworden ist. Auch in der Theme Time Radio Hour also, im werbefreien XM Radio, gibt es Jingles und Werbespots. Nur werben sie jetzt für Produkte und Firmen, die es längst nicht mehr gibt, wiederholen Originaldurchsagen aus dem Kalten Krieg (»In the event of atomic bombing – don’t use the phone!«) oder präsentieren Ausschnitte aus Filmen, die seit einem halben Jahrhundert in keinem kommerziellen Kino mehr aufgeführt worden sind. Nichts und niemand aber weist darauf hin, daß überhaupt Zeit vergangen ist, seit dies alles aufgenommen wurde. Im kalkulierten Verschwimmen der amerikanischen Epochen wird es alles gleich gegenwärtig.

In Wirklichkeit nimmt Dylan die Sendungen natürlich fast nie im Studio, sondern irgendwo unterwegs in der Welt auf, während der Never Ending Tour, in dem Reisebus, der seinen Hauptwohnsitz darstellt. (Immerhin hat er in den elf Monaten seiner wöchentlichen Radio Show auch sein neues Album produziert und rund hundert Konzerte gegeben.) Von dort aus schickt er sie ans Studio, wo sie technisch bearbeitet und über Satellit und Internet weltweit verbreitet werden. Der Gegensatz zwischen der altmodischen Medienfiktion und den realen Produktions- und Distributionsformen der Sendung, die Spannung also zwischen Radio Days und XM Radio, ist eine der Pointen des Unternehmens. Dylans Radiostadt existiert nur in der Fiktion, und sie gibt das auch deutlich zu erkennen. Erst in der Phantasie der Hörer soll das Vergangene wieder lebendig werden – im Bewußtsein der Fiktion. »I’ll let you be in my dreams, if I can be in yours«, hat Dylan in einem seiner frühesten Songs geschrieben. Seine Radio Hour macht das Traumspiel zur ironischen Wirklichkeit.

Einmal liest Dylan eine Passage aus den Lebenserinnerungen von Billie Holiday vor. Darin schildert die Sängerin, wie sie unter Heroineinfluß nichts lieber getan habe als stundenlang fernzusehen und wie sie sich dann in eine Entzugsklinik begeben habe. Tja, bemerkt Dylan, indem er das Buch wieder zuschlägt, vom Heroin könne man so loskommen, »but TV has ruined the brains of many young Americans.« Pause. »And it’s legal.«

Was hier erklingt, ist mehr als ein mit Gedichten und anderen Wortspielen angereichertes Songlexikon. Es ist des alten Knaben Wunderhorn. Nur daß die Volkslieder, die alten ebenso wie die hinzugedichteten, nicht mehr auf dem Papier gesammelt und verteilt werden, sondern auf Tonträgern und über Satellit, und daß – im Gegensatz auch zu ethnographischen Vorgängern wie John und Alan Lomax oder Harry Smith – der Konstruktionscharakter des Rekonstruktionsversuchs nicht mehr verdeckt, sondern ausgestellt wird.

Dylan kann diese Konstellationen so souverän hörbar machen, weil er selbst ja die Reihe der Wandernden fortsetzt; auch dies gehört zu seiner Radio-Rolle. So kommt es vor, daß er einen Sänger mit dem beiläufigen Satz einführt: »I met him once, on the road.« Die Grundspannung zwischen den beiden Rollen-Ichs, die er für seine Inszenierung braucht, entspricht genau dieser archetypischen Doppelrolle, die er aus seinen Traditionen übernimmt. Als Plaudereien eines gemütlich-ortsfesten Radiomoderators im Abernathy Building gibt Dylan aus, was er als einsamer Hobo unterwegs aufnimmt. Die Welt seiner Theme Time Radio Hour: das ist ein Amerika, das vielleicht zu keiner Zeit so ganz existiert hat, hinter dem die Wirklichkeit immer etwas zurückgeblieben sein mag. Und doch ragt es immer wieder, im Augenblick eines gelungenen Songs, in sie herein. Aus diesen Augenblicken baut Dylan, wenn es Nacht wird, seine mythische Stadt.

Alles lesen bei Heinrich Detering in Merkur, Oktober 07, mit Dank an fms fürs Finden. Listen to a sample clip at XM-Radio.
Update: Jetzt gibts ein Blog, in dem man sich über 2 Jahrgänge komplette Sendungen als Zip herunterladen kann. Dank an Patrick Crosley

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