Rebell mit dem Geigenkasten

September 29, 2008

Bayrisches Fernsehen 29. September 2008, 22.45 Uhr:
Rolf Pohle - Die 68er Studentenbewegung in München
Film von Meggy Steffens und Dieter Schröder
(Erstausstrahlung)

Ein Film erinnert an Rolf Pohle und die Münchner 68er

Als in München die roten Fahnen wehten und die Stoßtrupps der Revolution Parolen wie “Nieder mit der Klassenjustiz” skandierten, war Rolf Pohle, zeitweise Vorsitzender des Allgemeinen Studentenausschusses der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, “der Star”, wie sich der CSU-Politiker und Anwalt Peter Gauweiler erinnert: “Es war schon etwas Besonderes, wenn der sich mit einem unterhielt”. Der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude, Jahrgang 1947, hat Pohle, Jahrgang 1942, als einen am Anfang noch “überlegten, bedächtigen und klug wirkenden strategischen Kopf” in Erinnerung. Als alles anfing, sei der Sohn eines damals bedeutenden Münchner Rechtsprofessors noch kein “emotional aufgeladener Rebell” gewesen.

Wie das Achtundsechzig so war und was so einer mit sich und die Justiz mit ihm machte, ist am Montagabend in der Dokumentation Rolf Pohle - Die 68er Studentenbewegung in München zu sehen. Ein Teil der Münchner Geschichte der Außerparlamentarischen Opposition (APO), wird in knapp 45 Minuten aufgearbeitet. Dass Pohle damals in den Untergrund abdriftete und zeitweise zur Roten-Armee-Fraktion gehörte, ist nicht mit den in diesen Tagen gängigen Thesen von der BUM-BUM-RAF zu erklären.

Da war übergroß der Vater, zu dem die Kinder ein “sehr aufschauendes Verhältnis” hatten, wie Ernst Pohle, der Bruder, in dem Film erzählt. Wenn die Jungen ihn auf der Straße trafen, sagten sie manchmal “Grüß Gott, Herr Professor”. Er zog den Hut vor seinen Kindern und erst, wenn die Söhne loskicherten, erkannte er sie. Es gab -wie auch in anderen Familien - Autoritätskonflikte und Rolf Pohle, der so schön Geige spielte, wollte ganz anders wie der Vater sein und suchte doch dessen Anerkennung.

“Ein Exzess der Justiz”
Die Vita des Professorensohns steht in diesem Punkt für viele Lebensläufe. Er tauchte in den Untergrund ab, als er sich in seiner Jura-Ausbildung schikaniert glaubte. Das erste Urteil (15 Monate Haft) gegen Pohle hat Ernst Müller-Meiningen jr., einst SZ-Redakteur und Jurist, mal einen “Exzess der Justiz zur rücksichtslosen Durchsetzung der Staatsraison” genannt. Pohle lieferte fortan Waffen, schoss aber nicht. Er hatte auch mit den RAF-Leuten seine Schwierigkeiten. Vor allem wegen Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung und diverser Waffenvergehen wurde er zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt. Berühmt ist die Geschichte, wie er gemeinsam mit vier Gesinnungsgenossen nach der Entführung des Berliner CDU-Politikers Peter Lorenz von Mitgliedern der terroristischen “Bewegung 2. Juni” freigepresst und in den Südjemen geflogen wurde. Dort war schon der berüchtigte Top-Terrorist “Carlos”.

Einer der Autoren des Films, Dieter Schröder, ehemals SZ-Chefredakteur, hat den in Paris einsitzenden Carlos nach Pohle befragt. Carlos telefonierte im Gefängnis stundenlang mit dem deutschen Journalisten; Schröder konnte mithören wie Carlos das Münztelefon bediente: “Ich mochte den Burschen”, sagte Carlos. “Er war ehrlich, Rolf war wirklich ehrlich”. Die Jemeniten hätten den homosexuellen Pohle aufgefordert, zu verschwinden: “Geh nach Griechenland.”

“Carlos” am Münztelefon
Pohle ging, wurde entdeckt und mit Hilfe des deutschen Detektivs Werner Mauss von Sicherheitskräften festgenommen. Zunächst lehnten die Griechen eine Auslieferung ab. Auf Druck der Bundesregierung wurde Pohle dann doch nach Deutschland verschubt und in einem juristisch halsbrecherischen und auch absurden Prozess wegen angeblicher räuberischer Erpressung erneut verurteilt. 1982 kam er frei. Er zog nach kurzer Zeit wieder nach Griechenland, spielte wieder Geige, aber kam nicht zur Ruhe. Überall witterte er Geheimdienste, die ihm nachspürten. 2004 ist er gestorben.

“Mein Name ist Mensch”, hat er auf seine Grabplatte schreiben lassen. So hat er mal einem Münchner Richter geantwortet, als der ihn nach seinem Namen fragte. Ein trauriger Film, ein wichtiger Film.

HANS LEYENDECKER
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr. 227 Montag, den 29. September 2008, Seite 15

radiomultikulti darf nicht sterben

Debatte um Schließung des Senders radiomultikulti tritt in die entscheidende Phase

Die Chance, das Aus des Integrationssenders zu verhindern, währt nur noch wenige Wochen. Wenn sich morgen die RBB-Rundfunkräte mit Intendantin Dagmar Reim zur Klausurtagung treffen, wird es erneut Kontroversen um radiomultikulti geben. Die Proteste beruhigen sich nicht. Im Gegenteil, nachdem am letzten Mittwoch der Medienausschuss im Abgeordnetenhaus nahezu geschlossen den Erhalt des Senders eingefordert hat, weht der Intendanz ein schärferer Wind entgegen.

Die Intendantin hatte unter anderem die Erläuterung ihres Sparkonzepts mit der Begründung verweigert, sie müsse den Haushalt bloß vor dem RBB-Verwaltungsrat rechtfertigen. Nach dieser Informationsblockade erwartet Gabriele Hiller, medienpolitische Sprecherin der Linksfraktion, dass Reim »die Zahlen und Fakten bezüglich radiomultikulti in den Rundfunkgremien offen legt« – und fordert Alternativen zur Schließung der Welle. Mit dem Abschalten von radiomultikulti wollte Reim in den nächsten vier Jahren je vier Millionen Euro einsparen, zuletzt wurden aber nur noch rund drei Millionen pro Jahr genannt. Da viele der 80 bis 100 Freien mit ihrer interkulturellen Kompetenz im RBB gebraucht werden, dürfte sich der Betrag weiter reduzieren.

Während die Hörfunkdirektion dieser Tage harte Personalgespräche führt, will die medienpolitische Sprecherin der Grünen, Alice Ströver, Überzeugungsarbeit leisten. Nach Reims Auftritt im Medienausschuss ist sie optimistisch, im Abgeordnetenhaus die Mehrheit für eine verzögerte Zustimmung zum neuen Rundfunkstaatsvertrag zu gewinnen. So soll eine bundesweite Erhöhung der GEZ-Einnahmen erst ermöglicht werden, wenn alle wichtigen politischen Fragen geklärt sind. Das größte Gewicht in die Waagschale werfen können aber morgen die Rundfunkräte, da der anstehende RBB-Haushalt für das Jahr 2009 von ihnen genehmigt werden muss. Sollten sie nicht alles abnicken, kann die RBB-Spitze das Aus des Senders auch nicht in Beton gießen, wenn am 16. Oktober Finanzausschuss und Verwaltungsrat tagen. Der Vorsitzende des Verwaltungsrates, Hartmann Kleiner, ein CDUler der alten Landowsky-Riege, soll die treibende Kraft für das geplante Ende von radiomultikulti sein, munkelt man im Abgeordnetenhaus. Aktuell gibt es einen Hoffnungsschimmer, da die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF) dem von Gebührenausfällen besonders geplagten RBB im Zuge des ARD-internen Gebührenausgleichs ein paar Millionen Euro zusätzlich zusprechen könnte.

Von Axel Brocke

Wem das Plakat irgendwie bekannt vorkommt, der hat recht. Einfach draufklicken.

Vor den Wahlen

September 22, 2008

Aus der Serie “Was wir schon immer mit Photoshop machen wollten” hier ein kreativer Beitrag der Grünen Jugend München.

Ansonsten gilt natürlich weiterhin fürs BlattBlog - raushalten aus der Kommunalpolitik!
Mit Dank an Herrn Meyer für den Tipp.

Update - BlattBlog bedankt sich herzlich bei allen Wählern!

Sesshaft dank Saufen

September 11, 2008

Von dieser Theorie könnte man besoffen werden. Denn vereinfacht geht sie so: Der Ackerbau und damit die Sesshaftigkeit und damit die Höfe, Dörfer und Städte und damit die ganze menschliche Kultur sind nicht entstanden, weil einst das Fleisch knapp geworden war, sondern weil es im Gegenteil Fleisch von wilden Tieren im Überfluss gab.

Also haben sich die Menschen in der Nacheiszeit, die grob vor 12.000 Jahren begann, zu gemeinschaftlichen Fleisch-Gelagen verabredet. Der Ertrag des wilden, noch nicht gezüchteten Getreides reichte auch gar nicht aus, um sie hinreichend zu ernähren. Aber diese frühen Menschen hatten, nach dem Vorbild überreifer Beeren und Früchte, die Gärung entdeckt: Sie rührten die Getreidekörner zu einem alkoholischen Gebräu an und erkannten dessen berauschende Wirkung.

Der erste Zweck des Getreides, das erst in der Folge zu einer effektiven Nahrungsquelle kultiviert wurde, war ein frühes Bier, das aus dem Fleisch-Fest ein kultisches Begängnis machte. Oder in noch kürzerer Fassung, und je nach Präferenz: Am Anfang war die Dinner-Party. Am Anfang war das Oktoberfest.

“Warum sollte ausgerechnet dort, wo die passenden Wildpflanzen wuchsen, aus denen Getreide werden konnte, das Wild so selten geworden sein?” Denn: “Wo gutes Gras wächst, sammelt sich auch das Wild.” Es sei auch prinzipiell falsch, “Fortschritte” des Menschen immer nur durch Ressourcenknappheit und Existenzangst zu begründen.

Dann kam die Fleischparty

Vielmehr stehe am Beginn der schrittweisen Domestikation der Überfluss an Tieren: Man begann - natürlicherweise nur, weil es genug davon gab -, die Tiere nicht gleich aufzuessen, sondern mit der Zeit die Wildformen von Schafen, Rindern und Ziegen als “lebende Fleischreserve” zu fangen und zu halten. “Zähmung und Züchtung”, so Reichholf, “erfolgten nicht der Not gehorchend.”

Und dann kam die Fleischparty. Jene beginnende Vorratswirtschaft in einer noch wesentlich nomadischen Kultur habe sich gewissermaßen in kollektiven Feiermahlzeiten entladen.

Josef Reichholf verweist hier auf Funde wie die erst unlängst entdeckte, bisher älteste menschliche Kultstätte von Göbleki Tepe in Anatolien, die mindestens 12.000 Jahre alt ist; dort finden sich Reliefs von Wildtieren. Und solche Kultereignisse seien eben auch große Besäufnisse gewesen, für die das Getreide ursprünglich verwendet worden sei.

In der Tat hängen ja Rausch und religiöse Transzendenz in vielen Kulturen zusammen; für die Exstase zuständige Priester oder Schamanen kennen sich mit Zauberformeln, Geheimsprache und halluzinogenen Pilzen aus - oder, wie in diesem kulturentscheidenen Fall, mit dem Rezept fürs Bier.

Auf frühen sumerischen Darstellungen sieht man Menschen feierlich mit Strohhalmen aus Tonkrügen trinken, das würde zum ungefilterten Bierbrei der Frühzeit passen; ähnliche Praktiken sollen durch Wanderungen über die Beringstraße bis zu den südamerikanischen Indios gelangt sein, wo das “Chicha”-Bier in Amazonien durch Spucke zum Gären gebracht wird.

Alles lesen bei Johan Schloemann über Josef H. Reichholf in der SZ.

Das Mosquito-Problem

September 1, 2008

Agitprop und Filmtank zeigen auf arte am 7. September um 00.15h:

In Belene am bulgarischen Ufer der Donau leben freundliche Menschen, die in bizarrer Weise ihren Alltag am Rand der Welt meistern. Ihre Hoffnung ist das gigantische Kernkraftwerk, das am Ortsrand seit 20 Jahren auf seine Fertigstellung wartet, und dessen Logo sie schon in die Suppenteller eingraviert haben.

Doch der Ort bewahrt auch die schrecklichen Geheimnisse des berüchtigtsten stalinistischen Straflagers von Bulgarien. Geschichten über grausame Verbrechen schweben über der Stadt wie die dunklen Wolken aus Millionen von Mücken…

DAS MOSQUITO-PROBLEM UND ANDERE GESCHICHTEN
VON ANDREI PAOUNOV
“Alternately delightful and disturbing.” Variety
Cannes 2007; Grierson Award des British Film Institute für den besten Dokumentarfilm 2007
Agitprop und Filmtank in Koproduktion mit ZDF/arte, Channel 4, ITVS, Sundance Channel.

Klick auf den Filmtitel, um den Trailer anzusehen.

Nochmal Filmtank - am Montag, den 8. September läuft im ZDF um 00.20h Der Pfad des Kriegers, siehe auch BlattBlog vom Januar 08.