Hasta la victoria siempre!
November 10, 2008
Da räumt einer ziemlich ab mit dem guten alten Poster:
Giangiàcomo Feltrinelli, Europas erfolgreichster Verleger, hatte jenen trotzig schönen Che aus einem Stapel Bilder des Modefotografen Korda herausgefischt. Mit ihrem Gespür für Design veredelten die Italiener das Antlitz zur Devotionalie, die 1968 im Triumph um die Welt ging. Offenbar aber verliebte Feltrinelli sich in seine eigene Kreation. Und wollte antifaschistische Buße leisten für die Verehrung, die er als Junger für Mussolini empfunden hatte - den Duce, der am Gardasee in der Villa seiner Eltern lebte. Wie anders wäre zu erklären, dass dieser Erbe riesiger Wälder in Kärnten und unendlicher Rinderherden in Brasilien sich mitten im Wohlleben Italiens aktiv der Weltrevolution verschrieb?
Man könnte sagen, Feltrinelli sei an einer Überdosis Che Guevara gestorben. “In jedem Winkel Italiens schlummert ein kleines Vietnam”, phantasierte er, inspiriert vom Diktat des Che, “zwei, drei, viele Vietnam” zu schaffen, “mit ihrem Sog von Blut und von Tod”, um das US-Imperium in die Knie zu zwingen. Ein kleiner Hund entdeckte Feltrinellis zerfetzten Leichnam am 14. März 1972 nahe Mailand unter einem Hochspannungsmast. Den hatte der große Verleger und sparsame Terroristen-Sponsor eigenhändig in die Luft sprengen wollen.
Bei der fesselnden Lektüre von Gerd Koenens “Traumpfade der Weltrevolution - Das Guevara-Projekt” (Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 450 S., 18,95 Euro) sind Begegnungen mit dem Wahnwitz unvermeidlich. Dabei hat der Autor es mehr auf neue Erkenntnisse, verborgene Zusammenhänge und analytische Klarheit angelegt denn auf die Entzauberung der Revolution oder die Aufklärung der Che-Gemeinde. Die Anfälligkeit der Intellektuellen für gewalttätige Übermenschen, befremdlich so kurz nach Hitlers Untergang, wird am Beispiel Jean-Paul Sartres und Simone de Beauvoirs evident. Diese hatte 1957 in “Der lange Marsch” mit dem europäischen Mao-Kult begonnen, und als das Paar drei Jahre später nach Kuba kam, ernannte der Philosoph den lebenden Che zum “vollkommensten Menschen des Zeitalters”.
Traumpfade der Weltrevolution, das soeben erschienene Buch von Gerd Koenen.
BlattBlog fragt, warum eigentlich immer wieder Gerd Koenen? Schon Unsere kleine deutsche Kulturrevolution war schwer verdaulich, wenn auch in seiner Faktenfülle fast erschlagend. Und jetzt legt er noch mal nach.
Aus Copyright-Gründen steigt BlattBlog jetzt mit deutlich günstigeren “Symbolbildern” ein. Der nicht mehr ganz so junge Mann oben im Bild ist natürlich Diego Maradona, mit Grüssen an Achim M.



