Deutschlands Weg zur Revolution
November 1, 2008Was einem zur Finanzkrise so alles einfallen kann:
Der Umsturz vollzieht sich mit der paradoxen Anmut beinah zufälliger Zwangsläufigkeit.
Es beginnt mit Krawallen in Lübeck: Hafenarbeiter randalieren in den Einkaufspassagen, um ihren Unmut über den geplanten Verkauf größerer Anteile der städtischen Hafengesellschaft an eine Tochter der Deutschen Bank auszudrücken. Sie besetzen den Bürgerschaftssaal und verabreden mit Kollegen in Kiel und Rostock Streiks, die mit keiner Gewerkschaftsbürokratie abgesprochen sind, aber für mehrere bereits aus Finanzmarktkrisengründen angeschlagene Handelskonzerne zu ernsten Verdienstausfällen und Vertrauenserschütterungen führen, die einen Dominoeffekt auslösen, der zahlreiche Aktienkurse im Lebensmittelbereich in die Tiefe reißt. Von ihrem Erfolg berauscht, reisen die Lübecker nach Frankfurt und schicken Abordnungen vor das Gebäude der Deutschen Bank sowie in den Starbucks an der Börse. Broker, Analysten und andere Versager werden vor ihren Handelstempeln angepöbelt, ausgelacht und gedemütigt; das Fernsehen steigt begeistert ein. Die Börsianer machen immer peinlichere Fehler, ihre Psychologie ist zerrüttet. Müntefering warnt vor »Übermut, liebe Lübecker Kollegen«, Steinbrück vor »Kindereien«.
Unter ungeklärten Umständen scheitert die Hochzeit von Porsche und VW, das heißt, sie wird in letzter Minute halbherzig rückgängig gemacht, durchlöchert oder sonst irgendetwas, das nur noch sehr wenige Wirtschaftsprofessoren verstehen, aber nicht erklären können. Bei Opel in Bochum kommt es zu ersten Sabotageakten, zum großen Ärger von Konzernleitung und Werkschutz als Dummheit und Ungeschicklichkeit getarnt.
Die während des weltweiten Krieges gegen den Terror auch in Deutschland durchgesetzten neuen Vollmachten der Exekutive kehren sich unerwarteterweise gegen die Bundesregierung: Jungsozialistische Verschwörer haben in Erfahrung gebracht, dass der Verfassungsschutz die heikleren seiner Aufstandsbekämpfungsmaßnahmen zu vertuschen und Unterlagen darüber zu vernichten sucht. Über undurchsichtige Erpressungen gegen leitende Beamte des Innenministeriums erwirken die Verschwörer auf der Grundlage der neuen Antiterrorleitlinien einen Marschbefehl für die Bundeswehr, die seit ihrer Afghanistan-Ernüchterung zunehmend nach links gedriftet ist. Das Heer besetzt die Gebäude des Verfassungsschutzes, nimmt die verdächtigen Personen fest und stellt die Dokumente sicher. Diese werden durch ein unidentifizierbares Leck dem Spiegel zugespielt. Nach der Veröffentlichung distanzieren sich erste Sprecher der Polizeigewerkschaft von »diesem Schnüffelstaat«. Müntefering warnt vor allem Möglichen, »welches hier und heute aufzuzählen mir Platz und Kraft fehlen« (Müntefering).
Gerhard Schröder wird beim Versuch, mit brisanten Unterlagen nach Russland auszubüxen, von zwei auf Heimaturlaub befindlichen Grundwehrdienstleistenden auf einem niedersächsischen Kleinstflughafen gestellt. Der neue Chef des Verfassungsschutzes, ein linker SPD-Mann aus Mecklenburg-Vorpommern, wittert seine Chance und zwingt den Exkanzler mit dubiosen Methoden zu ungeheuerlichen Enthüllungen über die rot-grüne Wirtschafts-, Innen- und Außenpolitik. Müntefering weint vor Publikum bei Anne Will.
Griffiger Popmarxismus in der ZEIT. Wer hätte das gedacht - alles lesen bei Dietmar Dath. Mehr über den Autor hier.


