Zukunft jetzt, sonst setzt es Prügel

February 10, 2009

Die Krise der Schallplattenindustrie beschäftigt nun Kongresse. Nutzt das etwas?
von JENS-CHRISTIAN RABE

Es war, ohne Zweifel, ein Moment der Wahrheit. Nur war nicht ganz klar, ob die Diskussion in diesem Moment ganz bei sich gelandet oder ganz weit vom Weg abgekommen war. Was war passiert? Achim Bergmann, Chef des kleinen und denkbar sorgfältig die oft unverdient vergessenen Ecken des Pop-Kosmos aufarbeitenden unabhängigen Münchner Musiklabels Trikont, hatte die Pop-Lobbyisten Dieter Gorny und Mark Chung, die am vergangenen Freitagabend mit ihm auf dem Podium im Berliner Haus der Kulturen der Welt saßen, etwas grob als “schleimige Typen” angegangen.

Chung versprach nach einer Schrecksekunde Bergmann eine Tracht Prügel. Und nur Gudrun Gut, die große alte Dame des deutschen Techno, verhinderte mit einiger Geistesgegenwart Drastischeres, indem sie aufsprang und - halb amüsiert, halb ernsthaft erschrocken - um Hilfe rief. Es verfehlte seine zivilisierende Absicht nicht.

Der Ruf schien alle daran zu erinnern, was sie trotz aller alten Differenzen stärker eint, als sie es sich je gewünscht haben dürften: die komplizierte Lage ihrer Branche, die aufgrund der massenhaften illegalen und legalen kostenlosen Verbreitung von Musik im Internet kaum noch CDs verkauft und also ihre wirtschaftliche Grundlage verliert …

Zusammengefunden hatten sie sich genau aus diesem Grund - und auf Einladung der beiden Kuratoren Ekkehard Ehlers und Björn Gottstein - bei der Tagung “Audio Poverty - Konferenz über Musik und Armut”. In ein postökonomisches Zeitalter, so die Arbeitsthese der beiden Kuratoren, steuert die - im weitesten Sinne verstanden - zeitgenössische Popmusik. Und so wacklig und kokett wie sie auch im Raum stand (denn Geschäfte werden in der Branche natürlich nach wie vor reichlich gemacht, es sind nur andere als die gewohnten, und sich der Situation auszusetzen ist ohnehin niemand gezwungen), so sehr ist sie Ausdruck einer mit der digitalen Zeitenwende tatsächlich fundamental veränderten Situation einer vergleichsweise jungen Kunstform. Dabei schillerte diese immer schon zwischen Käuflichkeit und Unverkäuflichkeit, ästhetischem Extremismus und finaler Eingängigkeit, Oberflächlichkeit und Unveräußerbarkeit, Zurichtung und Vernichtung, Protest und Opportunismus, Subversion und Rekreation.

Es dürfte deshalb kein Zufall sein, dass “Audio Poverty” nun schon die dritte (und vorerst letzte) prominent besetzte Berliner Veranstaltung zum Thema innerhalb eines kurzen Monats war. Zuvor, im Januar, hatten erst die Tagung “Dancing with myself” im Hebbel am Ufer und wenig später der “Club Transmediale” versucht, die Lage zu fassen und zu reflektieren, flankiert von Interviews und Berichten in den kleinen einschlägigen Zentralorganen des Diskurses, von der Zeitschrift Spex bis zur Wochenzeitung Jungle World genauso wie in nahezu sämtlichen großen deutschsprachigen Tageszeitungen.

Dass die Auseinandersetzung vorerst im ehrwürdigen und öffentlich finanzierten Haus der Kulturen der Welt gleich neben Kanzleramt und Bundestag kulminierte, hatte somit eine gewisse Konsequenz. Die lange marginalisierten Themen und Diskussionen haben die Mitte erreicht. Dass damit nicht alle gleichermaßen gut zurecht kommen, zeigte “Audio Poverty” besonders dort deutlich, wo das an sich vielschichtige und mit einigem Bedacht aufeinander abgestimmte Vortrags- und Musik-Programm schwächelte. Wie so manche Tagung zum Thema bot sie am Ende entschieden zu viel Aufarbeitung von längst allzu Selbstverständlichem (der Krise des Plattenmarkts, der Situation im Netz) und zu wenig originelle, überraschende, anspruchsvolle Reflektion der Verhältnisse. Und so wurden schließlich bequem, aber mit großer Geste zu viele alte Fragen gestellt und zu wenige neue Antworten versucht.

Schon vor der notorischen Podiumsdiskussion am Freitag hatten der britische Musikjournalist und Kunsttheoretiker Kodwo Eshun und der als Kode 9 bekannte Dubstep-Produzent, Labelchef und Universitätsdozent Steve Goodman einen offensichtlich viel zu eilig verfassten Vortrag zur Lage gehalten. Ausgangspunkt sollte die 2004 vom Wired-Chefredakteur Chris Anderson entworfene Theorie des “Long Tail” sein. Sie besagt, dass das Hauptgeschäft bald nicht mehr mit wenigen Hits gemacht werde, sondern mit einer großen Anzahl - dem “langen Schwanz” - von Nischenangeboten. Dass die These sich bisher nicht bewahrheitet hat, nahmen die beiden zur Kenntnis, vor allem aber sahen sie darin einen Anlass, ziemlich fahrig, uninspiriert und gratiskritisch über mehr oder weniger alte Hüte zu meditieren wie unsere Rolle als immer schon vermarktete Akteure, die Internet-Piraterie und die virale Waren- und Datenverbreitung im Netz.

Am Ende lautete die Devise plötzlich mit Rem Koolhaas “Learning from Lagos” - was anspielen sollte auf die Konjunktur afrikanischer und südamerikanischer Ghetto-Tanzmusiken wie etwa Kuduro, Kwaito, Cumbia, Baile Funk - oder auch auf die Tatsache, dass deren Adaption als Ghetto-Techno zur Zeit der westlichen Popmusik die maßgeblichen Impulse gibt (DJ/rupture, DJ Vamanos, Quarta 330 und andere gaben davon im Musikprogramm der Tagung ein gutes Beispiel). Von der tatsächlichen Situation der Musiker freilich hatten die Redner leider keinen Schimmer. “Subversive virale Verbreitungstaktiken” sind in deren Heimatländern aus der blanken Not geboren. Ganz abgesehen davon, dass die etwa Musik, wie kundige Nachfrager klarstellten, die im Westen etwa als Kwaito ankommt, kaum etwas mit dem zu tun hat, was vor Ort gemacht wird. An diesem Punkt für echten Einblick und Klarheit zu sorgen - diese Chance bestand durchaus, aber der afrikakundige Chef des Münchner Labels Outhere, Jay Rutledge, kam auf dem wilden Gorny-Podium nicht mehr recht zu Wort.

Etwas orientierungslos wirken die namhaften Protagonisten des zeitgenössischen Popdiskurses, und weil sie offenbar auch nicht klüger werden aus der Lage, war die Veranstaltung im Haus der Kulturen der Welt wie schon ihre beiden Vorgänger selbst vielleicht mehr Symptom als Erkenntnishilfe. Sicher ist, dass sich die Maßstäbe geändert haben: Der Motor in der frühen Phase des anspruchsvolleren Schreibens über Pop war in den siebziger und achtziger Jahren die feste Überzeugung gewesen, es mit einem gesellschaftlichen Leitmedium zu tun zu haben, das, wenn nicht der Kritik, so doch der kritischen Bestandsaufnahme verpflichtet war. Das ist heute nicht mehr der Fall. Dieser Verlust dürfte auch der Grund für die schon fatalistisch anmutende Trauer des 1967 geborenen Co-Kurators und Kritikers Björn Gottstein gewesen sein, der bei der Podiumsdiskussion zum Thema “Kein Kritik, nirgends” gleich eine ganze Zunft verabschieden wollte.

Übersehen wird so, dass schlicht eine zweite Phase begonnen hat. Pop ist schließlich allgegenwärtig. Die Fahrstuhlmusik war erst der Anfang, das kleine MP3-Abspielgerät, das inzwischen fast jeder besitzt, ist der vorläufige Endpunkt. Mit einem unspezifischen Rauschen hat das wenig zu tun, eher schon mit Tagträumen, Phantasien und schemenhaft vorbeiziehenden Lebensmöglichkeiten, die so tief in den Alltag eingezogen sind, das man sie glatt mit dem Leben selbst verwechseln möchte. So gesehen, gestaltet der Pop nach wie vor gesellschaftlich Relevantes - nur, dass es mit den Mitteln der klassischen Kulturkritik nicht mehr adäquat greifbar scheint. Dass die Gegenwart der Popmusik infolge der Digitalisierung zudem natürlich ein heillos zerklüftetes Feld ist, dass man auf so viele Tagträume gleichzeitig stößt, macht die Sache natürlich kompliziert. Aber auch umso interessanter.

Die Klage über den Verlust von Verbindlichkeiten enttarnte sich bald als heimlicher Groll über den Verlust der eigenen Deutungsmacht. Als Sorge nämlich, die eigene Bedeutung als Kritiker zu verlieren, weil man vielleicht eine wichtige Strömung übersehen könnte. Dieses Verständnis von Kritikertum und Journalismus ist jedoch ein Ehrgeiz zur Avantgarde, der es sich in der vermeintlichen Subkultur vielleicht etwas zu gemütlich gemacht hat.

Wirklich nach vorn wies allein der Musikjournalist und Wiener Kunstprofessor Diedrich Diederichsen, indem er wohlbegründet das Ende der herkömmlichen Popmusik diagnostizierte. Nicht als zeitgenössisches Phänomen, sehr wohl aber als sich noch substantiell entwickelnde Kunstform. Die Provokation verpuffte jedoch gänzlich. Es gab nicht einmal eine Frage aus dem Publikum. JENS-CHRISTIAN RABE

Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr. 33, Dienstag, den 10. Februar 2009 , Seite 11
© Foto Achim: Trikont

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