Blatt - Stadtzeitung für München

March 14, 2009

Herr Hortmeyer hat immer noch keinen DSL-Anschluss, dafür hat er jetzt seine Story online stehen bei Spiegel Online. Unter einestages.de, dem Geschichtskanal von Spiegel Online ist jetzt ein Aufsatz eingestellt, den man mit einem lachenden und einem tränenden Auge lesen kann:

In Berlin waren gerade die ersten Veranstaltungsblätter erschienen, Stadtmagazine mit Kneipen-, Konzerttipps und Kleinanzeigen. Eine eigene Zeitung mit einem Veranstaltungskalender für München - “ich dachte mir, genau sowas fehlt!” Das Geschäftsmodell interessierte den Ex-Studenten dabei kaum. Sein Ideal war die “Warentauschgesellschaft”. Seine Überzeugung: Wer es schaffte, seine Lebenshaltungskosten niedrig zu halten, konnte locker vom Überfluss der Wohlstandsgesellschaft leben. Der “Erwerbsgedanke” spielte folglich auch für das Zeitungsprojekt keine Rolle. Das Startkapital - 5000 D-Mark - lieh sich Hortmeyer von seinem Vater. Die ersten Mitarbeiter der Zeitung, persönliche Freunde, arbeiteten ohne Honorar. Das “Blatt” sollte zu einer Plattform der undogmatischen Linken werden, ein Forum für alle, die gruppen- und parteigebundene Zeitungen ablehnten.

Doch die Praxis hatte ihre Tücken. Die ersten Redaktionssitzungen fanden in Hortmeyers Wohnung an der Knöbelstraße, Nähe Isartor, statt - und verliefen chaotisch. Das Projekt sprach sich rum, jeder wollte mitmachen, jeder wollte schreiben, nicht jeder konnte es. “Manche Leute musste man einfach rausschmeißen, das ging wirklich nicht”, erinnert sich Hortmeyer. Auch der damals 23-jährige Student Jürgen Ritter war von der neuen Zeitung begeistert: Endlich eine, “in der mal Betroffene zu Wort kommen”, ohne Regeln und ohne Chef. Ein Blatt, das für alle Ansätze und Gruppen offen war. In der Praxis rangen bald Schwule und Lesben, kommunistische Foren, Psycho- und Encountergruppen um den Platz in jeder Ausgabe. Alles “völlig anarchisch und super dilettantisch”. Trotz großer Sympathien für die Idee gab Ritter der Zeitung kein halbes Jahr. “Nach den ersten Ausgaben war’s für mich vorbei. Ich hatte kein Geld mehr und konnte meine Miete nicht bezahlen.”

Dauergast Staatsmacht

Der harte Kern hielt aus. Die Redaktion war in der Zwischenzeit in ein Ladenlokal an der Adelgundenstraße gezogen - und wuchs weiter. Ständig kamen neue Leute vorbei, eines Tages auch Anatol Gardner: “Ich wollte wohl nur eine Anzeige aufgeben, und dann bin gleich dageblieben.” Auch der Zeichner Gerhard Seyfried stieß zum “Blatt”.

Immer öfter kam auch die Polizei. Am 15. April 1976 zum Beispiel, um auf Beschluss des Amtsgerichts die 68. Ausgabe der Zeitung komplett zu beschlagnahmen. Der Grund war eine Zeichnung, auf der eine Person einen Gegenstand wirft - nach Ansicht des Richters einen Molotow-Cocktail. Knapp ein Jahr später durchsuchten Polizisten die Redaktion und beschlagnahmten ein Brokdorf-Plakat mit der Aufschrift “Deutsche Polizisten sind Terroristen”. Gegen die presserechtlich Verantwortlichen wurden im Laufe der Jahre mehrere Strafverfahren wegen Beleidigung, Verunglimpfung des Staates, öffentlicher Billigung von Straftaten, Aufforderung zu strafbaren Handlungen oder Anleitung zum Cannabis-Anbau eingeleitet.

Es war die Zeit der Hausbesetzungen, der zweiten RAF-Generation, der Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback und Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer. In der angespannten politischen Situation und wegen offener Sympathiebekundungen für Straftaten aus der linken Szene standen die Redakteure des “Blatts” unter ständiger Beobachtung. Ein Münchner Justizbeamter soll ausschließlich mit der Suche nach verdächtigen Äußerungen in der vierzehntäglichen Publikation, einschließlich ihres Kleinanzeigenteils, beschäftigt gewesen sein.

Günstige Mitfahrgelegenheit München-Poona-Goa

Die hochpolitische Zeit spiegelte sich auch im Kleinanzeigenteil wider. Dort inserierte Mitte der siebziger Jahre die “KKW-Nein-Gruppe”, die “Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft”, die “Gruppe internationaler Marxisten”, die “Sozialistische Frauenorganisation München”, das “Komitee für den Volksentscheid gegen den § 218″ oder die Selbstorganisation Zivildienstleistender (ZDL) - nicht ohne Selbstironie. Das las sich dann so: “Nachdem in letzter Zeit am ZDL-Stammtisch nur noch zwei der Gründer sitzen, würden wir gern wissen, ob auch von anderer Seite noch Interesse am Stammtisch besteht. Wir zwei können uns nämlich bei uns zuhause gemütlicher treffen.”

Der Kleinanzeigenteil spiegelte auch die alternativen Lebensentwürfe: Träume, Fantasien und Frust zwischen Gruppentherapie, Wohngemeinschaft und vergesellschaftetem Liebesleben. Etwa in dem Angebot: “Günstige Mitfahrgelegenheit München-Poona-Goa. Vollwertige vegetarische Verpflegung und Übernachtung inbegriffen”, oder unter Gesuchen: “Wer schenkt mir zum Geburtstag einen Plattenspieler oder ähnliches? Für die ganz Geldgierigen darf er auch ein ganz klein wenig kosten.” Und in Hilferufen: “Letzten Sommer (vor ca. vier Monaten also) waren die Magret, der Kilian und noch’n paar Leute mit meinem Schlafsack im Süden. Da ich ihn vermisse, und er mich wahrscheinlich auch, hätt ich ihn gern zurück. (…)”

Und er spiegelte die Folgen der unkonventionellen Lebensplanung: “Linker Schüler (erst 16, aber trotzdem ziemlich gefrustet) sucht Freundin für freie Kommunikation und politische Praxis.” Oder auch: “Frau mit Kind sucht Halbtagsjob im Kindergarten oder ähnliches. Wichtig: Ich müsste das Kind mitnehmen können. (All diesen Arschlöchern, die meinen, dies wäre eine versteckte Kontaktanzeige, sei hiermit gesagt, dem ist nicht so, sie brauchen also gar nicht anzurufen.)”

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