Bulletten im Schatten der Mauer
May 14, 2009Rückblick auf die Berliner Szene:
die Comics von Gerhard Seyfried
Wer in den späten Siebzigern, frühen Achtzigern aufwuchs, der konnte ihm kaum entkommen. “Wo soll das alles enden” und “Freakadellen und Bulletten”, die beiden ersten Bücher von Gerhard Seyfried, gingen von Hand zu Hand, reizten zu prustender gemeinsamer Lektüre und wurden, wenn es ums Illustrieren von Schülerzeitungen ging, ausgiebig geplündert. Der tölpelhafte Ordnungshüter, der statt “Stop! Polizei” wütend “Pop!” Stolizei!” und “Stei! Polizop!” ruft; ein Paar Handschellen, daneben das Wort “Abführmittel” - mit solchen Gags hat der Berliner Zeichner das Humorverständnis einer ganzen Generation mitgeprägt. Und wer in einer langweiligen Kleinstadt zu Hause war, dem verhießen Seyfrieds Szenen aus der Szene damals eine Ahnung von Freiheit und Abenteuer.
Liest man heute kreuz und quer in den zwei voluminösen Bänden, die der Zweitausendeins Verlag dem Zeichner zu seinem sechzigsten Geburtstag im vergangenen Jahr gegönnt hat, so will sich dieses Gefühl nicht mehr einstellen. Was frech, provokant daherkam, wirkt gemütlich, fast ein wenig spießig. Eine kleine Welt mit überschaubaren Strukturen wird aufgebaut, in der die bürgerliche Enge, aus der die Freaks entkommen zu sein glauben, sich auf kuriose Weise spiegelt. Ja, so muss es gewesen sein, als Kreuzberg noch im Schatten der Mauer lag, und obwohl das nun schon seit zwanzig Jahren vorbei ist, wirft die Erinnerung an diese Zeit einen Glanz noch auf die jüngeren Arbeiten Seyfrieds. Es steckt aber auch etwas - und das ist sehr sympathisch - von Lausbubenträumen, von Cowboy- und Indianerspielen in diesen Geschichten; von ihnen lässt sich eine Linie zurück zu Walter Trier und Wilhelm Busch ziehen …
Das gilt auch in graphischer Hinsicht. Seyfried brilliert, vor allem in seinem Frühwerk, mit der komischen, gern mit einem Wortspiel versehenen Vignette, und seine späteren Comics kann man nur bedingt als sequential art bezeichnen. Sie tendieren zu einer statischen Folge von Tableaus, die sich immer wieder zu großformatigen, im Extremfall doppelseitigen Wimmelpanoramen weiten, einem der Markenzeichen des Künstlers. Ein Lesefluss entsteht unter dieser Voraussetzung nicht; der Leser ist vielmehr zum genauen, verweilenden Betrachten genötigt. In den Alben, die seit Anfang der Neunziger in Zusammenarbeit mit Ziska Riemann entstanden sind, geht es zwar etwas dynamischer zu, dennoch ändert sich grundsätzlich nichts an dem Befund: Seyfried ist weniger ein Comiczeichner als ein sehr begabter Zeichner komischer Bilder.
Dass er noch mehr sein kann, zeigt sich in dem ein wenig irreführend “Die Werke” betitelten Band, der neben einem ausführlichen Interview Zeichnungen aller Art enthält, von denen einige überraschen. Skizzen von Menschen und Häusern, während eines USA-Aufenthalts angefertigt, erinnern mit ihrem lockeren, zum Teil karikaturistischen Strich an die Sketch Books von Robert Crumb. Wahlplakate, die den Grünen-Abgeordneten Hans-Christian Ströbele anpreisen, spielen mit Versatzstücken des Fotorealismus und des sozialistischen Realismus. Am schönsten ist ein ganz unspektakuläres, rätselhaftes Bild: Es zeigt eine leere Sprechblase, die groß und weiß am nächtlichen Himmel über Kreuzberger Altbauten hängt. Angesichts solcher Trouvaillen ist zu bedauern, dass Seyfried sich zuletzt auf das Schreiben mäßiger dokumentarisch-historischer Romane verlegt hat. Wann kommt das aufregend gezeichnete Spätwerk? CHRISTOPH HAAS
GERHARD SEYFRIED: Die Comics: Alle! Die Werke: Alle! Zweitausendeins Verlag, Frankfurt am Main 2008. 699 S., 39,90 Euro und 595 S., 49,90 Euro.
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr. 109, Mittwoch, den 13. Mai 2009 , Seite 14



