Pop

August 3, 2009

Das, was wir heute Popmusik nennen, ist nicht von einem Tag auf den anderen entstanden. Dennoch kann man sagen, dass es seit 50 Jahren (plus minus 5) ein kulturelles Format gibt, das davon lebt, dass seine Rezipienten es in ihrer Lebenswelt selbst zusammensetzen. Es besteht aus Tonaufnahmen (der Bezugspunkt ist immer die Aufnahme, nicht der Song) von singulären, abweichenden, nicht schönen oder kunstfertigen Stimmen und Klangeffekten, die von eher konventionell gebauter Musik umgeben sind. Diese Aufnahmen werden einerseits durch Zeitschriftenbilder, häufige Fernsehpräsenz und mit Porträts und graphisch designerischen Stilen operierenden Plattenhüllen in Bedeutungskomplexe eingebaut, andererseits durch eine physisch auftretende und viszeral rezipierte Musik in der Körperlichkeit der Rezipienten verankert. Ein reales Geräusch der Welt, phonographisch aufgezeichnet, die indexikalen Spuren des Sängers, auch Effekte von neuen Maschinen, werden zunächst zu Hause, oft allein in intimen Situationen gehört und mit einer imaginären Welt verbunden; um dann aber draußen, in einer Öffentlichkeit, bei Live- und Club-Erlebnissen bei hoher Lautstärke und gesteigerter körperlicher Präsenz wiedererkannt zu werden. Das macht immer wieder so euphorisch, als hätte man sich zum ersten Mal im Spiegel erkannt. Der symbolisch-sprachliche Gehalt, der bei dieser Zusammenführung von intimem Imaginarium und öffentlicher körperlicher Partizipation ermittelt wird, ihr Inhalt, ist immer eine Attitüde, eine als Pose aufgeführte Haltung zur Welt, die so noch nicht formuliert worden war.

Letzteres muss nicht objektiv wahr sein, es muss einem aber so vorkommen. Jugend begünstigt dieses Empfinden, Alter verstärkt die Vorstellung, alles sei schon einmal da gewesen, weil die Bereitschaft, auf das Neue zu wetten, sinkt: Der alte Mensch hat nichts davon, dass nach ihm eine Zukunft kommt. Wenn man aber jung ist und von der Wette auf das Neue profitiert, prägt dies auch die besondere Rolle der Rezeption in der Popmusik: Diese beginnt ja bei einem Gefühl von Individualität und Alleinsein, verläuft über Momente vager sozialer Identifikation mit den Sounds und Bildern dieser von Popmusik vermittelten Posen und landet bei einem gesellschaftlich tragfähigen Selbstbild in einer popkulturellen Identität.

Dieser Weg erscheint denen, die ihn gehen, aber als historisch, weil er sich im Regelfall als neu geriert. Wenn meine individuelle Neuheit - also Jugend - sich als historisch neu empfinden darf, erfährt sie eine enorme Ermächtigung. Diese historische Ermächtigung gewinnt an Kraft durch die Verbindung einer Entwicklung (mehrere Stadien, Unsicherheit, soziales Aushandeln) und der in den letzten fünf Jahrzehnten Popmusik gestiegenen und professionalisierten bis industrialisierten rituellen Möglichkeiten der Bestätigung dieser Entwicklung als historisch (Aktualitätssemantik, epochenbezogenes Clubbing, Dekaden-Shows). Diese Initiation mit ihrer öffentlichen Verschränkung der Subjektivität des Aufwachsens mit der Objektivität von Geschichte erzeugt oder verstärkt das Gefühl, in eine bestimmte Zeit zu gehören und eine Gegenwart zu erleben, die zugleich in Zukunft geschichtlich sein wird. Der Entwurf der Subjektivität bezieht sich immer auf ein Futur II, so werde ich gewesen sein: In “In My Life” entwirft der 24-jährige John Lennon einen Lebensrückblick, den später der steinalte Johnny Cash ohne Rollenkonflikte covern können wird. Das sich entwerfende Subjekt der Popmusik-Rezipienten - ähnlich übrigens wie Fashion-Fans - entwirft sich von einer Euphorie aus, die jetzt hier einen intensiven Moment erlebt und ihn zugleich schon im Fotoalbum der Geschichte sieht.

Bei vielen Nutzern kann man eine Regression ins Musikalische feststellen, ins reine Hören einzelner Files und Songs, das sich um den Zusammenhang so wenig kümmert wie die unengagierte Rezeption von arbeitenden Radiohörern. Diese populäre Musik, die man nebenbei hört und von der man sich den Alltag ölen lässt, hatte nichts mit der emphatisch rezipierten Popmusik zu tun, von der hier die Rede ist. Aber auch in den Spielformen der Rockmusik und ihrer Nachbargebiete herrscht Musik als Musik. Weil die Intensität der Verbindung zwischen der öffentlichen und der privaten Seite der Popmusik-Rezeption nachlässt, konzentrieren sich die Indie-Rock-Szene und insgesamt das in der Mittelschicht sozialisierte Pop-Publikum auf Verfeinerung und fetischistische Pflege des Erreichten. Dominant sind zwischen Folk und Punk, phantasievollen Progressismen und sagenhaft angewachsenem technischen Können die klassische Formen, die aber nicht als Revival neu aufgeführt und umgewertet werden, sondern unabhängig von historischen Markierungen verfeinert und ausgebaut werden. Ihr Bezugspunkt ist ein Wohlklang in einem etwas anders sozialisierten Ohr, nicht eine Attitüde und nicht die Gegenwart.

Alles lesen bei Diedrich Diederichsen in der SZ.

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