Lila Karotten, Ballerinas und Bullen

December 20, 2011

Ich bin selbst gespannt, wo das nächste Schlachtfeld sein wird

Wie geht es weiter mit Occupy? Ein Anruf bei Kalle Lasn, dem Mitinitiator der Bewegung und Begründer des ‘Adbuster‘-Magazins

Kalle Lasn ist einer der interessantesten Köpfe von Occupy, ja der Filmemacher und Begründer des Adbuster-Magazins gilt vielen als Vater der Bewegung. Ein Gespräch über das Jahr 2011 und die Zukunft der Proteste.

SZ: Herzlichen Glückwunsch, Herr Lasn, als Reaktion auf die weltweiten Protestkundgebungen hat das Time Magazine ‘den Demonstranten’ zur ‘Person des Jahres 2011′ gekürt.

Kalle Lasn: Stimmt. Aber warum gratulieren Sie denn da mir?

SZ: Na ja, Sie hatten die Idee, die Wall Street zu besetzen, Sie haben sich den Claim ‘Occupy Wall Street‘ ausgedacht und Sie haben festgelegt, dass das Ganze am 17. September anfängt.

Lasn: Ja, aber erstens bin ich doch deshalb nicht der Gottvater dieser Bewegung. Zweitens ist das alles aus Diskussionen gewachsen. Das habe ich doch nicht alleine in einer Welteinsamkeitsklause ausgeheckt.

SZ: Apropos Welteinsamkeit: Muss man sich jetzt eigentlich um Sie als bekennenden Anarchisten sorgen? Sie leben in einer ziemlich konservativen Ecke in der Nähe von Vancouver.

Lasn: Ich lebe inmitten fundamentalistischer Christen, mit denen ich mich aber fabelhaft verstehe. Nachher kommt einer zum Brunch und dann streiten wir wieder stundenlang. Das ist das Gute, wenn man auf dem Land lebt. Da sind alle verschroben, also akzeptiert man einander, obwohl jeder vom anderen denkt, dass der wahrscheinlich seinen Hund küsst oder seltsame Gemüsesorten zieht.

SZ: Was machen Sie selbst denn Merkwürdiges?

Lasn: Ich küsse meinen Hund und züchte seltsame Gemüsesorten. Dieses Jahr hatten wir absolut exotische Tomatenarten und lila Karotten. (more…)

Wie viel Nerd ist eigentlich mehrheitsfähig?

December 9, 2011

Warum die Einheit der Piratenpartei so prekär ist

Kaum zu glauben, dass die Piraten die Wahl in Berlin noch mit ihrer betonten Unprofessionalität, ihrem schluffigem Auftreten und wurstigen Styling, gewonnen haben. Inzwischen, diesen Eindruck hatte man auf ihrem Parteitag in Offenbach, sind sie längst von ‘Wir sind die mit den Fragen’ angekommen bei: ‘Wir sind die mit den Visionen’. Ein neues Selbstbewusstsein zeigte sich da in der bis auf den letzten Stuhl besetzte Stadthalle. 6000 Mitglieder hat die junge Partei seit ihrem Einzug ins Berliner Abgeordnetenhaus gewonnen.

Das Geheimnis der Piraten liegt inzwischen nicht mehr nur in ihrer Netzaffinität. Vielmehr verstehen sie es, zwei wesentliche Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu befriedigen. Zum einen ist da das Gefühl, Teil einer wichtigen progressiven internationalen Bewegung zu sein. Gleich zu Beginn flimmerten in Offenbach Piratengrüße aus aller Welt über den Bildschirm. Dann kletterte eine zierliche Piratin aus Russland auf die Bühne und versicherte in reizend holprigem Englisch: ‘You are the flagship of the international community of freedom fighters.’ Freiheitskämpfer? Wer wäre das nicht gern!

Natürlich sprach Lola Voronina auch vom Ideal eines zutiefst demokratischen Internets zu sprechen: ‘The net is not only liberation of ideas. At the same time, it is the greatest equalizier that human kind has ever invented.’ Basisdemokratie und Schwarmintelligenz - das sind die Grundprinzipien der Piraten.

Doch trotz alldem sind sie keine Partei, die nur auf die Masse setzt.

Bei näherer Betrachtung herrscht eigentlich ein ziemlich radikaler Individualismus. Jeder Nerd darf so nerdig sein, wie er eben ist. Der kiffende Hippie-Zausel tritt genauso ans Mikrofon wie die 20-Jährige. (more…)