Der Schädel des Apachen

September 24, 2009

Claus Biegert schreibt immer noch über Indianer.

Geronimo ist immer noch tot.

Früher schrieb Claus Biegert im Blatt, jetzt schreibt er in der SZ.
Online gibts das Ganze bei jetzt.de zu lesen:

Jetzt lebt der Widerstand wieder auf. Geronimos Erben, die von Ramsey Clark vertreten werden, wollen die Gebeine ihres Helden im Quellgebiet des Gila River begraben. Ein US-Gesetz hilft ihnen dabei: Der Native American Graves Protection and Repatriation Act (NAGPRA) von 1990 soll die sterblichen Relikte von Ureinwohnern, wie sie bis heute vor allem in den Sammlungen von völkerkundlichen Museen lagern, wieder in den Schoss ihrer Stämme zurück bringen. Im Fall des Apachenkriegers aber gibt es ein Problem: Geronimos Schädel ist weder in einem Grab, noch in einem Museum. Wie aus der Anklageschrift 1:09-cv-00303 hervorgeht, liegt der Totenkopf auf dem Altar der Geheimgesellschaft “Skulls and Bones”(Schädel und Knochen) in einem fensterlosen, von Gerüchten umrankten Bau, genannt “The Tomb”(Die Grabkammer) auf dem Campus der Yale University in New Haven im Bundesstaat Connecticut.

Wie kommt der Schädel des Apachen dorthin? Wenn man den Zeugnissen von “Skulls and Bones” glauben darf, dann weilten 1918 vier Studenten der Elite-Universität Yale zu einem Artillerie-Training in Fort Sill in Oklahoma. Vor ihrer Rückkehr an die Ostküste plünderten die vier ein Grab, zu dem sie eine Eisentür aufbrechen mussten. Daraus brachten sie einen Schädel, zwei Oberschenkelknochen und ein Sattelhorn mit. Eine Festschrift von 1933, zum 100. Geburtstag der Geheimverbindung, brüstet sich mit der Tat und ordnet Knochen und Grabbeigaben Geronimo zu.

Was heute Abscheu erregen würde, war damals ein Kavaliersdelikt, unter Archäologen und Anthropologen sogar üblich. Als Mangas Coloradas, der Häuptling der Bedonkohe, 1863 in Gefangenschaft gefoltert und anschließend von Soldaten erschossen wurde, trennte man noch am gleichen Tag den Kopf vom Rumpf und kochte ihn. Den gesäuberten Schädel ließ der befehlshabende Offizier umgehend zu einem Anthropologen nach Boston schicken, der nach dem Vermessen erstaunt feststellte, dass das Hirnvolumen des Indianers das des Lexikonautors Daniel Webster überragte. Der große Schädel des Mangas Coloradas gilt heute als verschollen. Das letzte Mal wurde er im Umfeld des staatlichen Museums Smithonian Institution gesehen. Dort wird der Besitz abgestritten.

… und Claus Biegert gibts nochmal rechts auf der BlattBlog Linklatte mit seinem Nuclear-Free-Future Award

Unerhört

September 8, 2009


BlattBlog empfiehlt Unerhört - die neue Serie von etwas anderen Wahlspots bei der taz.

Bulletten im Schatten der Mauer

May 14, 2009

Rückblick auf die Berliner Szene:
die Comics von Gerhard Seyfried

Wer in den späten Siebzigern, frühen Achtzigern aufwuchs, der konnte ihm kaum entkommen. “Wo soll das alles enden” und “Freakadellen und Bulletten”, die beiden ersten Bücher von Gerhard Seyfried, gingen von Hand zu Hand, reizten zu prustender gemeinsamer Lektüre und wurden, wenn es ums Illustrieren von Schülerzeitungen ging, ausgiebig geplündert. Der tölpelhafte Ordnungshüter, der statt “Stop! Polizei” wütend “Pop!” Stolizei!” und “Stei! Polizop!” ruft; ein Paar Handschellen, daneben das Wort “Abführmittel” - mit solchen Gags hat der Berliner Zeichner das Humorverständnis einer ganzen Generation mitgeprägt. Und wer in einer langweiligen Kleinstadt zu Hause war, dem verhießen Seyfrieds Szenen aus der Szene damals eine Ahnung von Freiheit und Abenteuer.

Liest man heute kreuz und quer in den zwei voluminösen Bänden, die der Zweitausendeins Verlag dem Zeichner zu seinem sechzigsten Geburtstag im vergangenen Jahr gegönnt hat, so will sich dieses Gefühl nicht mehr einstellen. Was frech, provokant daherkam, wirkt gemütlich, fast ein wenig spießig. Eine kleine Welt mit überschaubaren Strukturen wird aufgebaut, in der die bürgerliche Enge, aus der die Freaks entkommen zu sein glauben, sich auf kuriose Weise spiegelt. Ja, so muss es gewesen sein, als Kreuzberg noch im Schatten der Mauer lag, und obwohl das nun schon seit zwanzig Jahren vorbei ist, wirft die Erinnerung an diese Zeit einen Glanz noch auf die jüngeren Arbeiten Seyfrieds. Es steckt aber auch etwas - und das ist sehr sympathisch - von Lausbubenträumen, von Cowboy- und Indianerspielen in diesen Geschichten; von ihnen lässt sich eine Linie zurück zu Walter Trier und Wilhelm Busch ziehen … (more…)

Legalize Meyer!

May 12, 2009

Die vielleicht härteste Droge der Gegenwart wird 60.

Hier ein Archivbild aus seiner kommunalpolitischen Ära (es ging wohl um die Legalisierung dieses Grasballens). Ordentlich gefeiert wird das Ganze am 16. Mai. (BlattBlog fragt sich schon, wie er das macht, wenn er sich jetzt selber den ganzen Abend aus der Hüfte filmt?) Für einen festerfahrenen Mann wie Herrn Meyer ist das sicher kein Problem, siehe auch unsere Berichterstattung in früheren BlattBlog Ausgaben. Über die Jahre hat er eigentlich immer eine bella figura gemacht, selbst in Sackgassen wie seinerzeit am Anfang seiner Kickerkarriere, für den Profisport hat es am Ende doch nicht ganz gereicht. Dafür hat er das mit dem Abtauchen dann professionalisiert, was früher in der Szene ja auch eher laienhaft gehandhabt wurde. Lieber Achim, ohne Dich wäre das Ganze nur halb so lustig gewesen, Du hast auch stets mit Deinem engagierten Einsatz für die Berliner Mundart dem platten süddeutschen Idiom in den Redaktionssitzungen paroli geboten und so immer einen Hauch Kreuzberg ins Lehel und nach Schwabing getragen, dafür danken wir Dir und wollens dann auch ordentlich krachen lassen in der Feuerwache - der Name sei Programm.

Rocky Mountain News am Ende!

March 19, 2009

Ganz dicht machen mussten die Rocky Mountain News. Das ehemalige Personal der Zeitung wandte sich am Montag an seine Leser mit der Bitte, die Redaktion per Online-Abonnement zu unterstützen. Wenn man 50.000 Leser finde, die bereit seien, 4 Dollar 99 im Monat zu überweisen, würde man mit einer Website weitermachen.

In der taz ein Artikel über die veränderten Lesegewohnheiten - Internet schlägt Zeitung.
Eine aktuelle Studie belegt, dass sich im letzten Jahr mehr Amerikaner am Monitor als über bedrucktes Papier informiert haben.

Alles lesen in der taz

Der Genosse Meyer, er lebe hoch!

March 16, 2009

Herr Sontheimer macht Herrn Meyer eine Freude:

Zu erwähnen wäre auch, dass das Blatt, inbesondere der Genosse Achim, der auf einem der Fotos als Fussballer zu sehen ist, die Gründung der “tageszeitung” oder “taz” sehr rege unterstützte. Achim trat mit Christian Ströbele bei der ersten grossen Veranstaltung für die taz beim Tunix-Kongress in Westberlin auf, im Frühjahr 1978. Die taz war nicht zuletzt ein Projekt von Leuten, die in Alternativzeitungen erste Erfahrungen bei der Schaffung von Gegenöffentlichkeit gemacht hatten.

MICHAEL SONTHEIMER 14. März 2009, 20:33

Zu lesen in den Diskussionsbeiträgen zur Story Eins gegen alle bei einestages.de

Der Häkelbikini lebt!

January 9, 2009

Passend zum Klima spült es den guten alten Häkelbikini aus den Blatt-Kleinanzeigen jetzt beim Hessischen Rundfunk online wieder hoch:

Werktätiger sucht üppige Partnerin” – die Kleinanzeigen der 70er Jahre bergen demnach eine ganze Menge Zeitgeschichte: Anders leben, jetzt, nicht irgendwann! Der große Aufbruch in den 70er Jahren lässt sich nirgendwo besser nachlesen als in den Kleinanzeigen von damals: ungespritzte Äpfel, Therapiegruppen, Grüße, Kritik, Kontakte – hier stellt sich die Szene selbst dar, und zwar auf kleinstem Raum. Diese Kleinanzeigen erzählen großartige Geschichten aus dem ganz normalen Leben und haben eine umwerfende Komik. Damals war natürlich alles ernst gemeint: Was ist aus der Männergruppe geworden, die “Frauen zum nachts Nacktbaden” gesucht hat? Oder aus diesem Klein-Anzeiger, der anfragte: “Bei wem kann ich Holzhacken, ohne Entgelt, bloss weil es Spass macht?” Fragen, die leider offen bleiben müssen. Die aber Aufschluss geben über den frohen Geist der damaligen Zeit.

BlattBlog fragt - was ist aus der Hodenwärmer-Clique geworden?

6 Pfund Seyfried live

November 6, 2008

Gestern im taz Café Berlin in der Rudi-Dutschke-Str. unterhielt sich der Herr Broeckers mit dem Herrn Seyfried über dessen jüngst bei 2001 erschienenes Lebenswerk (596 Seiten und gute drei Kilo schwer, Albumformat, ideal zur Aufbewahrung auch von z.B. Bargeld). Die Herren arbeiteten sich wacker durch alte und neue Schnurren, vom Steckerleis-Papier bei Jopa über seine Zeit in München beim Blatt oder auch in Amerika bis hin zur Suche nach dem Herero und dem gelben Wind. Das ist ein Livestream, der bei taz-live abgerufen werden kann. Am Anfang ist’s ein wenig statisch, aber das wird dann schon noch, der Kameramann ist halt auch nicht mehr der jüngste. Weil der Livestream aber seit heute nicht mehr live ist, kann man unten am Vorgangsbalkenrutscherl in das Gespräch hineinzoomen, das ist der Luxus des Internets, wenn’s mal Längen hat, gell.

Aus gegebenem Anlass platzieren wir hier erneut einen etwas frischeren Seyfried, der bereits im Juli das BlattBlog schmückte, wird ja niemand was dagegen haben.

30 Jahre taz

October 20, 2008

Daniel Cohn-Bendit ärgert sich täglich über die taz. Und wenn einmal nicht, ärgert sich der Europaabgeordnete der Grünen darüber, dass nichts in der taz steht, worüber er sich ärgern kann. “Sadomasochismus” sei das, sagte der Gastredner auf der Feier zum 30. Geburtstag der taz am Freitagabend im Frankfurter Ökohaus. Doch nach nur einer Woche ohne taz, sinnierte der “Alt-68er” laut weiter, “würde man vielleicht die Welt überhaupt nicht mehr verstehen”.

Beifall und lautes Kichern im längst erheiterten, gut gestylten Publikum, das von der Generation 50 plus links in Kohortenstärke dominiert wurde. Auch 60 plus links war an diesem Abend gut vertreten und drauf. taz-Meinungs- und Musikredakteur Daniel “DJ” Bax sorgte bis spät in die Nacht hinein für das weitere Entertainment des dann schon merklich ausgedünnten Auditoriums. Viele von den älteren Herrschaften mussten halt zuvor schon ins Bett.

Alles Lesen in der taz

Update:
dieses einzige mal zeige ich verständnis für den genossen daniel
cohndingsda:
hab ich doch schon vor vielen, vielen Sommern das Verslein gedichtet:

Eh der Morgen graut
Eh das Frührot taut
hat die taz uns schon den Tag versaut.

sempre diritto, G.

Rebell mit dem Geigenkasten

September 29, 2008

Bayrisches Fernsehen 29. September 2008, 22.45 Uhr:
Rolf Pohle - Die 68er Studentenbewegung in München
Film von Meggy Steffens und Dieter Schröder
(Erstausstrahlung)

Ein Film erinnert an Rolf Pohle und die Münchner 68er

Als in München die roten Fahnen wehten und die Stoßtrupps der Revolution Parolen wie “Nieder mit der Klassenjustiz” skandierten, war Rolf Pohle, zeitweise Vorsitzender des Allgemeinen Studentenausschusses der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, “der Star”, wie sich der CSU-Politiker und Anwalt Peter Gauweiler erinnert: “Es war schon etwas Besonderes, wenn der sich mit einem unterhielt”. Der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude, Jahrgang 1947, hat Pohle, Jahrgang 1942, als einen am Anfang noch “überlegten, bedächtigen und klug wirkenden strategischen Kopf” in Erinnerung. Als alles anfing, sei der Sohn eines damals bedeutenden Münchner Rechtsprofessors noch kein “emotional aufgeladener Rebell” gewesen.

Wie das Achtundsechzig so war und was so einer mit sich und die Justiz mit ihm machte, ist am Montagabend in der Dokumentation Rolf Pohle - Die 68er Studentenbewegung in München zu sehen. Ein Teil der Münchner Geschichte der Außerparlamentarischen Opposition (APO), wird in knapp 45 Minuten aufgearbeitet. Dass Pohle damals in den Untergrund abdriftete und zeitweise zur Roten-Armee-Fraktion gehörte, ist nicht mit den in diesen Tagen gängigen Thesen von der BUM-BUM-RAF zu erklären.

Da war übergroß der Vater, zu dem die Kinder ein “sehr aufschauendes Verhältnis” hatten, wie Ernst Pohle, der Bruder, in dem Film erzählt. Wenn die Jungen ihn auf der Straße trafen, sagten sie manchmal “Grüß Gott, Herr Professor”. Er zog den Hut vor seinen Kindern und erst, wenn die Söhne loskicherten, erkannte er sie. Es gab -wie auch in anderen Familien - Autoritätskonflikte und Rolf Pohle, der so schön Geige spielte, wollte ganz anders wie der Vater sein und suchte doch dessen Anerkennung.

“Ein Exzess der Justiz”
Die Vita des Professorensohns steht in diesem Punkt für viele Lebensläufe. Er tauchte in den Untergrund ab, als er sich in seiner Jura-Ausbildung schikaniert glaubte. Das erste Urteil (15 Monate Haft) gegen Pohle hat Ernst Müller-Meiningen jr., einst SZ-Redakteur und Jurist, mal einen “Exzess der Justiz zur rücksichtslosen Durchsetzung der Staatsraison” genannt. Pohle lieferte fortan Waffen, schoss aber nicht. Er hatte auch mit den RAF-Leuten seine Schwierigkeiten. Vor allem wegen Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung und diverser Waffenvergehen wurde er zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt. Berühmt ist die Geschichte, wie er gemeinsam mit vier Gesinnungsgenossen nach der Entführung des Berliner CDU-Politikers Peter Lorenz von Mitgliedern der terroristischen “Bewegung 2. Juni” freigepresst und in den Südjemen geflogen wurde. Dort war schon der berüchtigte Top-Terrorist “Carlos”.

Einer der Autoren des Films, Dieter Schröder, ehemals SZ-Chefredakteur, hat den in Paris einsitzenden Carlos nach Pohle befragt. Carlos telefonierte im Gefängnis stundenlang mit dem deutschen Journalisten; Schröder konnte mithören wie Carlos das Münztelefon bediente: “Ich mochte den Burschen”, sagte Carlos. “Er war ehrlich, Rolf war wirklich ehrlich”. Die Jemeniten hätten den homosexuellen Pohle aufgefordert, zu verschwinden: “Geh nach Griechenland.”

“Carlos” am Münztelefon
Pohle ging, wurde entdeckt und mit Hilfe des deutschen Detektivs Werner Mauss von Sicherheitskräften festgenommen. Zunächst lehnten die Griechen eine Auslieferung ab. Auf Druck der Bundesregierung wurde Pohle dann doch nach Deutschland verschubt und in einem juristisch halsbrecherischen und auch absurden Prozess wegen angeblicher räuberischer Erpressung erneut verurteilt. 1982 kam er frei. Er zog nach kurzer Zeit wieder nach Griechenland, spielte wieder Geige, aber kam nicht zur Ruhe. Überall witterte er Geheimdienste, die ihm nachspürten. 2004 ist er gestorben.

“Mein Name ist Mensch”, hat er auf seine Grabplatte schreiben lassen. So hat er mal einem Münchner Richter geantwortet, als der ihn nach seinem Namen fragte. Ein trauriger Film, ein wichtiger Film.

HANS LEYENDECKER
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr. 227 Montag, den 29. September 2008, Seite 15