Tiger Kreuzberg

May 24, 2008

Der Tiger von Kreuzberg ist groß. Man kennt ihn auch in Hamburg und München. Auch wenn er selbst niemals da war. Das ist so wie bei Jean Claude van Damme, der war auch noch nie in Kreuzberg, aber jeder hier kennt seinen Namen.

Tiger aka Cemal Atakan ist sechsundzwanzig und sieht super aus, “süper”, wie man hier sagt. Jedenfalls: weiße Nike-Airmax, Jogginghose, Kapuzenpullover, Mütze. Die Turnschuhe zum Wegrennen vor den Kontrolleuren, die Jogginghose, weil sie weit ist und genug Raum gibt, um im Bedarfsfall mit den Füßen zu kämpfen, die Mütze, weil “Mit Mütze bist du unsichtbar”, und “Herr Polisai” kann dich nicht finden. Seine Tage verbringt Tiger in Tigerland, Berlin-Kreuzberg. Der Gegend, die früher 36 hieß.

Wer ihn sieht, meint vielleicht, er stehe hier nur so herum und tue nichts. In Wirklichkeit ist er auf Arbeit. Kontrolliert die Gegend, guckt hierhin und dorthin. Tiger sieht alles; schaut er nach vorn, weiß er, was in seinem Rücken geschieht, schaut er auf den Boden, sieht er auch den Polizeihubschrauber, der über ihm kreist. Tiger ist der Manager der Straße. Gibt Mädchen- und Abziehtipps oder wie man zum guten Opfer wird - Abziehen ist ja Teamwork -, erklärt den Kreuzberg-Style, spricht über Knast und Hartz IV und wie man gucken oder besser nicht gucken sollte. Oft wird Tiger auch zum Schlichten gerufen, wenns Stress gibt. Er hat ein gutes Herz, aber man sollte ihn nicht reizen, denn Tiger ist hart und gut im Boxen.

Alles lesen in der taz. Und hier sind die Videos. Sein Blog hängt hinterm Bild - klikken, weissu.

40 Jahre sind kein Klacks

April 21, 2008

Die Frankfurter Rundschau bringt zum 40-jährigen eine Stoffsammlung, die gar nicht so übel ist, hier online zu betrachten.
Die taz zum letzten Wochenende ebenso einen Satz Interviews mit Zeitzeugen, leider nicht online zu betrachten. BlattBlog findets schade - kommt ja vielleicht noch, fragen kann man ja mal.
Update: Rudi Dutschke trifft jetzt tatsächlich auf Axel Springer (straßenmäßig, Klick aufs Bild).

Sie nannten ihn Pygmäe

November 29, 2007

Sie nannten ihn liebevoll den “Pygmäen vom Maßmannbergl”. Große Männer, auch wenn sie klein von Gestalt sind, altern in Würde:


© Foto Thomas Tielsch

Franz Maierhofer wird 70. Der Mann, der ohne, dass es irgendjemand wusste (weil es auch gar nicht stimmt) immer Vorbild für einen der Fabulous Furry Freak Brothers von Gilbert Shelton war.
BlattBlog gratuliert herzlich!

Die Freiheit stirbt scheibchenweise

November 12, 2007

Diesen Freitag hat der Bundestag das Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung und TK-Überwachung beschlossen. Der Widerstand in der Bevölkerung hielt sich in Grenzen, Transrapid war erheblich motivierender. Fakt ist, dass die beschlossene Vorratsdatenspeicherung am 1.1.08 Praxis werden wird. Jerzy Montag dazu am Vortag des Beschlusses in der SZ:

SZ: Herr Montag, auch die Daten dieses Gesprächs sollen von Januar an sechs Monate lang gespeichert werden. Sind wir auf dem Weg in den Überwachungsstaat?
Montag: Einen Schritt dahin werden wir am Freitag getan haben. Die Bürger werden durch dieses Gesetz bei allen ihren kommunikativen Vorgängen – E-Mail, SMS, Fax, Internet aber auch das schlichte Telefonieren – sechs Monate auf Vorrat abgespeichert. Und zwar alle Unschuldigen und alle Unverdächtigen. So etwas hat es seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland nicht gegeben.
SZ: Wenn bei Handygesprächen auch noch der Standort gespeichert wird, sind wir dann bald alle gläserne Bürger?
Montag: Es ist ein Paradigmenwechsel. Bisher galt der Grundsatz: Wer sich nichts hat zuschulden kommen lassen, hat einen Anspruch darauf, dass Polizei und Staat sich von ihm fernhalten. Jetzt gilt: Wer nichts verbrochen hat, der kann sich doch gerne nackt ausziehen und sich von allen anschauen lassen. In der Großen Koalition schreiten diejenigen voran, die unseren Rechtsstaat umbauen in einen Präventionsstaat. Vermeintliche Sicherheit gerät an erste Stelle, und die Grundrechte geraten unter die Räder. Die Freiheit stirbt scheibchenweise.

SZ: Nummern von Telefongesprächen werden doch heute schon von den Telekommunikationsgesellschaften gespeichert und im Ernstfall weitergegeben.
Montag: Das ist richtig, weil sie die Daten für ihre Abrechnungen brauchen. Unter strengen Voraussetzungen darf die Polizei darauf zugreifen. Der fundamentale Unterschied: Jetzt werden zum ersten Mal unsere Daten auf Vorrat für die Polizei gespeichert.
SZ: Also doch ein Schritt in Richtung Orwellscher Horrorvision?
Montag: Heute ist es unser Telekommunikationsverhalten. Wenn dieser Damm bricht, wird morgen jemand auf die Idee kommen, unser gesamtes Mobilitätsverhalten prophylaktisch zu speichern. Danach ist vielleicht unser gesamtes Konsumverhalten dran. (more…)

Schäuble lässt keinen kalt

September 1, 2007

Der Mann im Rollstuhl lässt die alten Herren nicht in Ruh. Die King Kongs in München stellen ein Video zum Thema “Abschuss von Verkehrsmaschinen” bei Youtube ein (Höllenhunde und Kampfjets heizen dem Schwaben ziemlich ein - die Musik ist von Rammstein):

Und unser Mann in Berlin fühlt sich zu einem Artikel über das “Gesetz zur Abwehr von Gefahren des internationalen Terrorismus durch das Bundeskriminalamt” inspiriert und schlägt gleich die GESTASI vor, die Abkürzung für GEsetzlich STAbilisierte SIcherheitsbehörde.

Leute, wartet noch ein bisschen, bald wird’s Herbst. Dann erst läuft der Mann im Rollstuhl zur Höchstform auf !

‘68 und die RAF - Eine romantische Affäre?

July 28, 2007

Hier kommt das Sommerschnäppchen für alle DSL-Rentner. Sloterdijk und Safranski träumen im Philosophischen Quartett auf Kosten von VW von den alten Zeiten. Stargäste sind Volker Schlöndorff und Matthias Matussek.

Schlöni wie immer gut drauf, etwas unbedarft und im Grunde der Verräter seiner eigenen Sache (”ein paar Kriminelle”). Herr Matussek gibt ganz den Doyen des deutschen Feuilletons, die Jacke ist ihm (Baujahr 54) jedoch fast ein wenig zu groß, da braucht es schon die roten Hosenträger. So erfahren wir, dass Stuttgart unter LSD wirklich anders aussieht und wie Fritz Teufel sich in Italien grün geärgert hat, weil er keine BILD-Zeitung bekam. Und dass der Presseraum das einzige ordentliche Zimmer in der K1 war. BlattBlog meint, durchaus sehenswert, man muss ja nicht alles glauben - zumindest aber besser als abends schon wieder Grillen!

Alle!

May 7, 2007

Schnappschuss aus dem Bücherregal eines bekannten zeitgenössischen Theologen:

Seyfried & Ziska. Die Comics. Alle!
Die Gesamtausgabe der Comics in einem großen Farb- und Prachtband. 700 Farbseiten. 3 Kilo schwer. Nur bei 2001. Vorsicht, potentieller Leser! Dieser Comicband setzt eine gewisse psychische Robustheit voraus: Teddybären werden verstümmelt und Autoritäten verlacht! Es ist ein ungeheurer bösartiges und schreiend komisches Werk gegen Nazis und Faschisten, in dem die Vergangenheit verspottet wird und Regierungen auf den Mond geschossen werden! Ganze Inseln werden mit Tusche geschwärzt, der Cyberspace schlägt zurück, und Außerirdische ziehen unsere Zukunft durch den Kakao! Hinzu kommt eine unverhohlene Selbstbeweihräucherung der Autoren, die durch ihre herausragende künstlerische Leistung allerdings vollkommen gerechtfertigt ist.

PS: Wußten Sie schon, daß im Paradies alles dreimal so braun ist?

Dieser Band enthält die umstrittenen Werke:

WO SOLL DAS ALLES ENDEN, INVASION AUS DEM ALLTAG, DAS SCHWARZE IMPERIUM, FLUCHT AUS BERLIN, STARSHIP EDEN und LET THE BAD TIMES ROLL, den Ziska-Solo-Band RASCAL & LUCILLE und die zwei neopsychedelischen Comicbücher FUTURE SUBJUNKIES und SPACE BASTARDS. Ergänzt werden die einzelnen Alben von kaum bekannten Kurzcomics und der funkelnagelneuen fantastischen Geschichte DER FLUCH DER NIPPONZIEGE.

Kunden, die dieses Buch gelesen haben, haben auch eine Meerschweinchenzucht in Papua-Neu Guinea aufgemacht.

Blatt - Stadtzeitung für München

March 23, 2007

Immer des Nachts arbeiten sich die BlattBlog-Netzcrawler leise durchs www. Nur ab und zu hört man ein Blatt rascheln. Jetzt sind sie wieder fündig geworden - ganz neu auf der BlattBlog-Linklatte rechts außen: Blatt - Stadtzeitung für München - ein etwas schüchterner Wikipedia-Eintrag zum Thema Blatt (Magazin) Stadtzeitung für München. Wer schreibt so etwas, fragen wir.

Unter dem Reiter Version/Autoren kann man das nachvollziehen, wenn man die jeweiligen Datumseinträge anklickt.

Los ging’s im letzten Oktober, am 06.11.06 hat einer wohl das BlattBlog entdeckt und sich gedacht, o.k. hier fehlt offenbar ein Eintrag in Wikipedia. Brav hatte er seinerzeit gleich zum BlattBlog verlinkt. Kurz darauf wird der (noch sehr dürre) Eintrag wieder entlinkt (so geht’s ja nicht - steht fast nichts drin und dann auch noch ein Link auf ein Weblog). Und steht dann ziemlich dürftig kurz als Löschkandidat im Netz. Und friert ein bisschen. Um 13:57 h passiert es dann - ein Autor namens Sirdon klinkt sich ein, Auflagenzahlen, Cannabis und Gerhard Seyfried erscheinen. Dann wird am 9.11.06 noch ein bisschen am Literaturverweis “subversives Blätterrauschen” poliert und dann steht der Eintrag grob schon so, wie man ihn heute lesen kann.

Wir meinen, hier kann sicher noch mehr getan werden, als nur den Link der ersten Stunde aufs BlattBlog wieder zu aktivieren. Und steuern schon mal aus dem Archiv das phänomenale FJS-Wahlkampfplakat (Gott hab ihn selig) bei.

Eulenspiegel schnappt sich Rotbuch

February 23, 2007

Rotbuch Verlag wurde von der Eulenspiegel Verlagsgruppe in Berlin übernommen. Der Rotbuch Verlag solle nach der Trennung von der Europäischen Verlagsanstalt (EVA) „nun wieder eigene Wege beschreiten“, teilte Eulenspiegel am Mittwoch mit. Die Übernahme sei rückwirkend zum 1. Februar erfolgt. Eulenspiegel übernimmt Marketing, Vertrieb und Herstellung.

Der Rotbuch Verlag wurde 1973 in Berlin als Abspaltung von einigen Mitarbeitern des Verlags Klaus Wagenbach gegründet. Auch das Kursbuch, herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger, erschien zunächst hier weiter. Seit 1994 gehörte Rotbuch zur Europäischen Verlagsanstalt (EVA). Zu den Rotbuch-Autoren gehörten bisher Herta Müller, Richard Wagner, Libuse Monikova, Aras Ören, Thomas Brasch, F.C. Delius, Heiner Müller, Yaak Karsunke, Peter Paul Zahl, Peter O. Chotjewitz und Gerhard Seyfried.

Alles lesen im Handelsblatt.

Update: Schon fängts an zu Schneidern: Rotbuch-Autoren rebellieren gegen Verlagsverkauf.

Über die Gnade

February 1, 2007

“Die keine Schuld tilgt, nicht erworben werden kann, sondern unverdient gewährt wird.” So hat mein Vater, der Publizist Günter Gaus, einmal den Begriff der Gnade definiert. Das Thema hat in seinem Leben mehrfach eine wichtige Rolle gespielt. Zum letzten Mal, als er Christian Klar ermutigte, ein Gnadengesuch an den damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau zu richten.

Er hatte Klar kennengelernt, als er im Dezember 2001 das bislang einzige Fernsehinterview mit dem ehemaligen RAF-Terroristen führte. Angespannt wirkte der damals 49-Jährige auf ihn, der zu diesem Zeitpunkt seit 19 Jahren inhaftiert war. Die erkennbare Mühe, die es dem Häftling bereitete, sich zu konzentrieren, hat meinen Vater tief verstört.

Bettina Gaus in der taz vom 31.1.2007, S. 5