Kein Schwein steckt mich an!
November 10, 2009Mit Dank an Jutta für den fachärztlichen Hinweis
Mit Dank an Jutta für den fachärztlichen Hinweis
Das, was wir heute Popmusik nennen, ist nicht von einem Tag auf den anderen entstanden. Dennoch kann man sagen, dass es seit 50 Jahren (plus minus 5) ein kulturelles Format gibt, das davon lebt, dass seine Rezipienten es in ihrer Lebenswelt selbst zusammensetzen. Es besteht aus Tonaufnahmen (der Bezugspunkt ist immer die Aufnahme, nicht der Song) von singulären, abweichenden, nicht schönen oder kunstfertigen Stimmen und Klangeffekten, die von eher konventionell gebauter Musik umgeben sind. Diese Aufnahmen werden einerseits durch Zeitschriftenbilder, häufige Fernsehpräsenz und mit Porträts und graphisch designerischen Stilen operierenden Plattenhüllen in Bedeutungskomplexe eingebaut, andererseits durch eine physisch auftretende und viszeral rezipierte Musik in der Körperlichkeit der Rezipienten verankert. Ein reales Geräusch der Welt, phonographisch aufgezeichnet, die indexikalen Spuren des Sängers, auch Effekte von neuen Maschinen, werden zunächst zu Hause, oft allein in intimen Situationen gehört und mit einer imaginären Welt verbunden; um dann aber draußen, in einer Öffentlichkeit, bei Live- und Club-Erlebnissen bei hoher Lautstärke und gesteigerter körperlicher Präsenz wiedererkannt zu werden. Das macht immer wieder so euphorisch, als hätte man sich zum ersten Mal im Spiegel erkannt. Der symbolisch-sprachliche Gehalt, der bei dieser Zusammenführung von intimem Imaginarium und öffentlicher körperlicher Partizipation ermittelt wird, ihr Inhalt, ist immer eine Attitüde, eine als Pose aufgeführte Haltung zur Welt, die so noch nicht formuliert worden war.
Letzteres muss nicht objektiv wahr sein, es muss einem aber so vorkommen. Jugend begünstigt dieses Empfinden, Alter verstärkt die Vorstellung, alles sei schon einmal da gewesen, weil die Bereitschaft, auf das Neue zu wetten, sinkt: Der alte Mensch hat nichts davon, dass nach ihm eine Zukunft kommt. Wenn man aber jung ist und von der Wette auf das Neue profitiert, prägt dies auch die besondere Rolle der Rezeption in der Popmusik: Diese beginnt ja bei einem Gefühl von Individualität und Alleinsein, verläuft über Momente vager sozialer Identifikation mit den Sounds und Bildern dieser von Popmusik vermittelten Posen und landet bei einem gesellschaftlich tragfähigen Selbstbild in einer popkulturellen Identität.
Dieser Weg erscheint denen, die ihn gehen, aber als historisch, weil er sich im Regelfall als neu geriert. Wenn meine individuelle Neuheit - also Jugend - sich als historisch neu empfinden darf, erfährt sie eine enorme Ermächtigung. Diese historische Ermächtigung gewinnt an Kraft durch die Verbindung einer Entwicklung (mehrere Stadien, Unsicherheit, soziales Aushandeln) und der in den letzten fünf Jahrzehnten Popmusik gestiegenen und professionalisierten bis industrialisierten rituellen Möglichkeiten der Bestätigung dieser Entwicklung als historisch (Aktualitätssemantik, epochenbezogenes Clubbing, Dekaden-Shows). Diese Initiation mit ihrer öffentlichen Verschränkung der Subjektivität des Aufwachsens mit der Objektivität von Geschichte erzeugt oder verstärkt das Gefühl, in eine bestimmte Zeit zu gehören und eine Gegenwart zu erleben, die zugleich in Zukunft geschichtlich sein wird. Der Entwurf der Subjektivität bezieht sich immer auf ein Futur II, so werde ich gewesen sein: In “In My Life” entwirft der 24-jährige John Lennon einen Lebensrückblick, den später der steinalte Johnny Cash ohne Rollenkonflikte covern können wird. Das sich entwerfende Subjekt der Popmusik-Rezipienten - ähnlich übrigens wie Fashion-Fans - entwirft sich von einer Euphorie aus, die jetzt hier einen intensiven Moment erlebt und ihn zugleich schon im Fotoalbum der Geschichte sieht.
Bei vielen Nutzern kann man eine Regression ins Musikalische feststellen, ins reine Hören einzelner Files und Songs, das sich um den Zusammenhang so wenig kümmert wie die unengagierte Rezeption von arbeitenden Radiohörern. Diese populäre Musik, die man nebenbei hört und von der man sich den Alltag ölen lässt, hatte nichts mit der emphatisch rezipierten Popmusik zu tun, von der hier die Rede ist. Aber auch in den Spielformen der Rockmusik und ihrer Nachbargebiete herrscht Musik als Musik. Weil die Intensität der Verbindung zwischen der öffentlichen und der privaten Seite der Popmusik-Rezeption nachlässt, konzentrieren sich die Indie-Rock-Szene und insgesamt das in der Mittelschicht sozialisierte Pop-Publikum auf Verfeinerung und fetischistische Pflege des Erreichten. Dominant sind zwischen Folk und Punk, phantasievollen Progressismen und sagenhaft angewachsenem technischen Können die klassische Formen, die aber nicht als Revival neu aufgeführt und umgewertet werden, sondern unabhängig von historischen Markierungen verfeinert und ausgebaut werden. Ihr Bezugspunkt ist ein Wohlklang in einem etwas anders sozialisierten Ohr, nicht eine Attitüde und nicht die Gegenwart.
Alles lesen bei Diedrich Diederichsen in der SZ.

Vor der Justizvollzugsanstalt Ebrach putzt ein junger Mann mit einem lärmenden Pusterohr die Beete, die, wie ein Schild besagt, von den Häftlingen gepflegt werden. Wie die Leiterin, wie der Psychologe lässt auch Hauptsekretär Hassler, der durch die Anstalt führt, nichts auf seine Schützlinge kommen. Nur lasch seien sie geworden, so lasch, und wenn doch einer ausbrechen könnte, dann hätte er sich die Freiheit “echt verdient”. Vom “Knast-Camp”, und dass sich hier in Ebrach vor vierzig Jahren viele Wege trennten, dass die einen nur mehr Gewalt kannten und die anderen ihr nur knapp entgingen, davon wissen sie nur aus Büchern. Fiebrige Tage, ein wahnsinniger Sommer, lange her …
Alles lesen bei Willi Winkler auf jetzt.de
Im vorweihnachtlichen Schwabing rauschen immer mehr Leute mit prallen 2001-Tüten am BlattBlog-Reporter vorbei, die auf dringende Nachfrage warum nur verblasenstes Zeug zu nuscheln in der Lage sind - vielleicht ists auch die Kälte …

BlattBlog ist da anderer Meinung - siehe zweites Bild

Unser Mann in Berlin daraufhin in einem schleunigst inszenierten Mail-Interview, darauf angesprochen, wo das alles enden soll:
” … ja, Tüten haben schon immer eine große Rolle in meinem Berufsleben gespielt.”

Da räumt einer ziemlich ab mit dem guten alten Poster:
Giangiàcomo Feltrinelli, Europas erfolgreichster Verleger, hatte jenen trotzig schönen Che aus einem Stapel Bilder des Modefotografen Korda herausgefischt. Mit ihrem Gespür für Design veredelten die Italiener das Antlitz zur Devotionalie, die 1968 im Triumph um die Welt ging. Offenbar aber verliebte Feltrinelli sich in seine eigene Kreation. Und wollte antifaschistische Buße leisten für die Verehrung, die er als Junger für Mussolini empfunden hatte - den Duce, der am Gardasee in der Villa seiner Eltern lebte. Wie anders wäre zu erklären, dass dieser Erbe riesiger Wälder in Kärnten und unendlicher Rinderherden in Brasilien sich mitten im Wohlleben Italiens aktiv der Weltrevolution verschrieb?
Man könnte sagen, Feltrinelli sei an einer Überdosis Che Guevara gestorben. “In jedem Winkel Italiens schlummert ein kleines Vietnam”, phantasierte er, inspiriert vom Diktat des Che, “zwei, drei, viele Vietnam” zu schaffen, “mit ihrem Sog von Blut und von Tod”, um das US-Imperium in die Knie zu zwingen. Ein kleiner Hund entdeckte Feltrinellis zerfetzten Leichnam am 14. März 1972 nahe Mailand unter einem Hochspannungsmast. Den hatte der große Verleger und sparsame Terroristen-Sponsor eigenhändig in die Luft sprengen wollen.
Bei der fesselnden Lektüre von Gerd Koenens “Traumpfade der Weltrevolution - Das Guevara-Projekt” (Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 450 S., 18,95 Euro) sind Begegnungen mit dem Wahnwitz unvermeidlich. Dabei hat der Autor es mehr auf neue Erkenntnisse, verborgene Zusammenhänge und analytische Klarheit angelegt denn auf die Entzauberung der Revolution oder die Aufklärung der Che-Gemeinde. Die Anfälligkeit der Intellektuellen für gewalttätige Übermenschen, befremdlich so kurz nach Hitlers Untergang, wird am Beispiel Jean-Paul Sartres und Simone de Beauvoirs evident. Diese hatte 1957 in “Der lange Marsch” mit dem europäischen Mao-Kult begonnen, und als das Paar drei Jahre später nach Kuba kam, ernannte der Philosoph den lebenden Che zum “vollkommensten Menschen des Zeitalters”.
Traumpfade der Weltrevolution, das soeben erschienene Buch von Gerd Koenen.
BlattBlog fragt, warum eigentlich immer wieder Gerd Koenen? Schon Unsere kleine deutsche Kulturrevolution war schwer verdaulich, wenn auch in seiner Faktenfülle fast erschlagend. Und jetzt legt er noch mal nach.
Aus Copyright-Gründen steigt BlattBlog jetzt mit deutlich günstigeren “Symbolbildern” ein. Der nicht mehr ganz so junge Mann oben im Bild ist natürlich Diego Maradona, mit Grüssen an Achim M.
Die FaltschWagonis - seit Jahren schon rechts auf der BlattBlog Linklatte - haben jetzt ihren eigenen Kanal bei YouTube.
Als Starter für den Mai unser Lieblingsstück “Würdest Du?” in dem auch eine Lanze für das landauf, landab schon fast wieder aus der Mode gekommene Brusthaartoupieren gebrochen wird!
Commander Gilmour fast unplugged - ohne den ganzen üblichen fliegenden Schweinekram - und sehr hörenswert, spielt ein Liedchen für Roger “Syd” Barrett.
Neu im Juli erscheint der Bildband Syd Barrett - Der >Crazy Diamond< von Pink Floyd von Mick Rock mit bislang unveröffentlichten Fotos. Auf jetzt.de unter dem Text ein Bild von Syd, wie ihn wahrscheinlich die wenigsten kennen.
Die Einigung zwischen den beiden Apples geht dem BlattBlog lauwarm am Arsch vorbei, wir nutzen den Anlass jedoch, um auf das phänomenale Rooftop Concert hinzuweisen, das exakt am 30. Januar 1969 auf dem Dach des Apple Studios in London stattfand.
Und bedanken uns bei it&w fürs historische Händchen. Das erste Video gibt’s beim Klick aufs Bild, die beiden anderen hier und dort. Dieser Beitrag gehört mit Fug und Recht in die Abteilung Historisierendes Gegengooglen.
Zum 100. von Herrn Hofmann (wir berichteten bereits ausführlich) noch ein Knaller via Andreas zum Gucken.
Sagt noch einer was gegen die kämpfende Truppe? Interview von Herrn Bröckers dazu in der taz.